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Gaststätte und Hotel „ZUR SONNE“

Travemünder Häuser Nr. 51

Vorderreihe 6

Gaststätte und Hotel „ZUR SONNE“

Da, wo heute auf dem großen Platz vor der Priwallfähre die wartenden Kraftfahrzeuge in Reih und Glied zum Abkassieren aufgestellt werden und die geduldigen Autofahrer mit gezückter Geldbörse auf den Mann mit den Fährkarten warten, war vor gar nicht allzu langer Zeit noch das Wasser der Trave. Eine Einbuchtung des Flusses reichte fast bis an den Straßenrand der Vorderreihenhäuser 1 bis 6 und dem Gebäude der Vogtei heran. Auf dem davorliegenden Uferrand lagen die Boote der Fischer, im frischen Seewind flatterte die Wäsche der Anwohner auf eigens dafür aufgestellten Pfählen mit Wäscheleinen. Auch die Netze und Reusen der Fischer hingen zum Trocknen und Flicken an ihren Gestellen. Es war ein beinahe romantischer Anblick, und so mancher Maler hielt ihn mit Pinsel und Farbe auf seiner Leinwand fest. Dieser idyllische Platz mußte dem Ausbau des Baggersandes und des neuen Fähranlegers weichen und steht nur ab und zu bei einer Sturmflut noch unter Wasser.

Gaststätte und Hotel „ZUR SONNE“Sicher hat im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts immer reges Leben auf diesem Teil der Vorderreihe geherrscht, zumal auch viele Fuhrwerke auf die Priwallfähre warteten. Da diese mit Muskelkraft betrieben wurde, gab es immer Pausen, und weil die Kutscher immer hungrig und durstig waren, war es sicher erforderlich, hier eine Stätte der Gastlichkeit einzurichten. Zur Ausstattung dieser geselligen Stätten gehörte neben dem Tresen zum Ausschank von Bier und anderen anregenden Getränken auch ein Kramladen, in dem man die Dinge kaufte, die im eigenen Haushalt nicht hergestellt werden konnten. Diese Krämer waren auch für das soziale Gefüge von großer Wichtigkeit, denn hier trafen sich Männer und natürlich auch die Frauen zum Austauschen der neuesten Nachrichten und dem nachbarlichen Geplauder.

Die Franzosen, die bis 1813 auch in Travemünde einquartiert waren, hatten sicher, ohne es zu wollen, Travemünde nach außen geöffnet, zumal mit der Zerstörung der Festungsanlagen der Zugang zum Städtchen außerordentlich erleichtert wurde. Mit der Gründung der Seebadeanstalt, die ihre erste Blütezeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte, entwickelte sich erneut ein wirtschaftlicher Aufschwung, der mit einem bescheidenen Wohlstand verbunden war.

So um diese Zeit herum muß das Haus Vorderreihe 6 mit seinen Nebengebäuden gebaut worden sein, vielleicht auf den Fundamenten eines alten Hauses. Das gesamte Eckgrundstück hatte immerhin die beachtliche Größe von 4299 qm, wie eine alte Urkunde ausweist. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts betrieb der Kaufmann Arend Peter Hinrich Vageler, nach Aussagen einer alten Travemünderin zusammen mit einem Bruder, dort einen Kolonialwarenladen und eine Schankwirtschaft, in der neben der eigenen Wohnung auch ein paar Gästezimmer zur Verfügung standen.

Am 1. April 1908 erwarb der Kellner Albert Krellenberg das Grundstück mit allen Baulichkeiten. Laut Kaufvertrag vom 24. Januar 1908 mußte er dafür 31.000 Mark bezahlen, einschließlich Warenlager und „Inventarium“. Herr Vageler gestattete Herrn Krellenberg, die bisherige Firma A. H. Vageler mit Beifügung eines das Nachfolgerverhältnis andeutenden Zusatzes fortzuführen, denn das Geschäft war allgemein bekannt und hatte einen guten Ruf.

Albert Krellenberg wurde am 25. September 1875 geboren. Seine Schwester Alma, verheiratet mit Otto Gehrken, ist alten Travemündern sicher noch in guter Erinnerung. Mit einem kleinen Lastwagen fuhren die beiden mit ihrer Tochter Alma noch in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, also vor rund 30 Jahren, durch Travemünde und verkauften Obst, Gemüse und Kartoffeln meistens an ihre treue Stammkundschaft. Natürlich stammten alle Waren von ihrem kleinen Hof in Dummersdorf und waren rein „biologisch“.

Albert KrellenbergFür Krellenberg, der in jungen Jahren von Zuhause weggegangen warum sein Glück als Kellner zu versuchen, war der Erwerb und Betrieb der Schankwirtschaft die Erfüllung seines Lebenstraumes. Zuerst soll die Gaststätte den Namen „Zu den Sonnen“ getragen haben, wurde aber sehr bald mit dem Firmenschild ZUR SONNE ein fester Begriff in Travemünde. Die Gäste waren Fischer, Handwerker und Kaufleute aus Alt-Travemünde. Der gutbürgerliche und preiswerte Mittagstisch zog aber auch Besucher aus der näheren und weiteren Umgebung an. Der Sparclub Frauenlob und die Travemünder Totenlade, eine alte soziale Hilfsorganisation, hatten hier ihr Stammlokal. Die geselligen Veranstaltungen und Vorträge, aber besonders die regelmäßigen Festessen, an denen auch die Travemünder Honoratioren teilnahmen, gehörten zu den Höhepunkten des städtischen Alltags.

Hinter dem Hauptgebäude am alten Friedhof befand sich neben einem kleinen Gemüsegarten auch ein Stallgebäude für die Hühner und natürlich auch für ein Schwein, das u. a. auch mit den Küchenabfällen gemästet wurde. Der Schlachttag war immer ein besonderes Fest, Schinken und Würste immer sehr gelobt. Da der kleine Garten hinter dem Hause für den Gaststättenbetrieb nicht ausreichte, wurden Gemüse, Kartoffeln und Kräuter noch auf einem Grundstück am Mühlenberg angebaut.

Vor der SONNE und den Nachbarhäusern standen anfangs noch einige Linden, an denen die Fischer ihre Boote vertäuten.

Im Jahre 1928 heiratete Albert Krellenberg nach geschiedener Ehe Frau Elisabeth Schell. Sie war bald die Seele der SONNE und tatkräftig bemüht, an der Seite ihres Mannes die Gastwirtschaft zur Freude ihrer Travemünder Gäste als beliebten Treffpunkt für viele Besucher zu gestalten.

Zwei interessante Dokumente geben Hinweise auf die Zeit während der beiden Weltkriege. Für den ersten Krieg 1914-1918 liegt ein „Kriegssteuerbescheid“ vom 10. Juni 1917 in den Akten des Hauses, in dem mitgeteilt wird, daß Herr Krellenberg eine außerordentliche Kriegsabgabe neben der schon entrichteten Kriegssteuer von 31,20 Mark zu entrichten habe. Mit dieser Abgabe wurde der Krieg allerdings auch nicht gewonnen. Schwerwiegender ist allerdings der „Besetzungsbefehl“ vom 2. Juni 1945 nach Beendigung des 2. Weltkrieges, in dem in fehlerhaftem Deutsch mit englischem Untertext kategorisch mitgeteilt wird, daß die Gebäude der Vorderreihe 6 für die britische oder alliierte Besatzungsmacht „requiriert“ werden müssen. Aber offensichtlich hat die Besetzung nur einen Monat gedauert, und der Betrieb der Gastwirtschaft konnte wieder aufgenommen werden. Der frühere Kolonialwarenladen war übrigens schon viele Jahre vorher geschlossen worden, weil die Räume anderweitig benötigt wurden.

Gaststätte und Hotel „ZUR SONNE“Da die Krellenbergs kinderlos waren, hatten sie schon 1954 in einem Erbvertrag festgelegt, daß der Gaststättenbetrieb und die Grundstücke an der Ziegelei und bei der Rosenburg im Erbfall an den Gastwirt Henry Schell aus Stockelsdorf fallen sollen. Aus Altersgründen übertrug Krellenberg am 1. Januar 1955 „Hotel und Gaststätte ZUR SONNE“, wie die korrekte Bezeichnung im Amtsverkehr lautet, an Henry Schell, der sie in bewährter Weise zusammen mit seiner Frau Johanna weiterführte. Als er 1963 starb, führte sie den Betrieb noch bis 1969 weiter und verpachtete in 1969 an den jetzigen Gastwirt Armin Krause.

Armin KrauseArmin Krause hatte seine gastronomische Ausbildung als Koch erfahren und war, bevor er 1969 die SONNE übernahm, u. a. Küchenchef im Frankfurter Kaiserkeller, Chef Rotisseur im Schloß-Hotel Wilhelmshöhe und bis 1969 im Grand Hotel in Stockholm.

Er brachte also reichlich Erfahrung mit, als er diesen damals schon recht bekannten gastronomischen Betrieb übernahm. Obwohl die Gaststätte ständig modernisiert und erweitert wurde, hat sie sich den anheimelnden Charakter eines traditionsreichen Familienrestaurants bewahrt. Besonders bekannt aber wurde es wegen der umfangreichen Speisekarte mit vielen Fischgerichten und -spezialitäten, für die sich sogar Gäste aus dem weiteren Umland von Kiel bis Hamburg begeistern können.

Neben dem Restaurantbetrieb stehen auch einige Hotelzimmer zur Verfügung.

Gaststätte und Hotel „ZUR SONNE“DIE SONNE ist ein echter Familienbetrieb mit engagierten Mitarbeitern. Das spürt auch der Gast. Armin Krause wurde im März 65 Jahre alt. Dazu wollen wir noch einmal herzlich gratulieren und wünschen, daß er neben der beruflichen und Freude bringenden Beschäftigung auch genügend Zeit für seine Hobbies findet. Wir haben vernommen, daß er den Reitsport liebt, gerne Skiurlaub macht und auch in die Sonne reist. Daß das noch lange weiter so bleibt, ist unser Wunsch.

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