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Kaiserallee 41

Travemünder Häuser Nr. 72

Kaiserallee 41

Das nachstehende Porträt eines Gebäudes weicht von den gewohnten Porträts ab. Aufgezeigt werden soll nämlich nicht, wie sonst, die in der Regel wechselvolle Geschichte eines Hauses. Vielmehr soll der Fokus speziell auf ein spektakuläres Ereignis gerichtet sein, das es Wert ist, Geschichte zu schreiben:

Das Gebäude Kaiserallee 41 war – gemeinsam mit benachbarten Häusern in der Kaiserallee und dem Steuerbord – 1939 von dem Regierungsbaumeister Willy Wagener für höhergestellte Mitarbeiter der E-Stelle See, die sich im wesentlichen auf dem Priwall befand, errichtet worden. Nach Kriegsende wurde es – wie etliche andere Gebäude auch – von der britischen Besatzungsmacht beschlagnahmt. Die 27 Bewohner wurden unter Zurücklassung eines Großteils ihrer Möbel ausquartiert und in Notunterkünfte eingewiesen. An ihrer Stelle zogen britische Militärangehörige mit ihren Familien ein.

Die Beschlagnahme dauerte vom Juli 1946 bis Ende Januar 1950 – also mehr als dreieinhalb Jahre. Da die Wohnungen durch die Briten nicht vollständig genutzt wurden und zum Teil leer standen, wurden sie auf Anforderung der deutschen Behörden am 25.01.1950 freigegeben. Damit erhielten die ehemaligen Bewohner vom deutschen Wohnungsamt die Aufforderung, ihre Notunterkünfte zu verlassen und sofort ihre Wohnungen zu beziehen, da sie ansonsten ihr Anrecht auf die Wohnungen verlören.

Die Räume und Einrichtungen befanden sich bei der Freigabe in einem stark verwohnten Zustand: die Heizungen waren eingefroren, Heizkörper und Rohrleitungen geplatzt, der Warmwasserspeicher unbrauchbar. Treppenbeleuchtung, Klingel- und Schließanlage nicht mehr vollständig, alle Schlüssel fehlten völlig, die Kochherde zur Hälfte. Die Bewohner setzten Haus und Wohnungen unter größten Anstrengungen wieder instand.

Am 02.12.1950 erhielten sie die Nachricht vom Wohnungsamt, dass das Gebäude im Januar 1951 erneut beschlagnahmt werden sollte und zwar auf Anordnung des britischen Kreis-Resident-Offiziers Dr. Sullivan. Diese Wiederbeschlagnahme sollte die erste, voraussichtlich aber auch die letzte in seinem Kreis sein. Dafür wollten die Briten vier kleine Villen (Einfamilienhäuser) in der Kaiserallee an deren Eigentümer zurückgeben.

Kaiserallee 41
Hamburger Abendblatt – Nr. 294 – Seite 11 Sonnabend/Sonntag, 16./17. Dezember 1950

Kaiserallee 41Seitens der deutschen Behörden wurde das Recht zur Wiederbeschlagnahme damit begründet, dass das Haus nur „bedingt“ freigegeben worden sei. Tatsächlich hatte sich ein solcher Hinweis auf dem Freigabeformular befunden, allerdings hatte das Amt Anfang 1950 mündlich erklärt, dieses Wort habe keine Bedeutung, man „müsse nur die alten Formulare aufbrauchen“.

Die Bewohner reagierten entsetzt, aber handelten: sie protestierten nicht nur bei den deutschen, sondern auch den britischen Militärbehörden: insbesondere wurde der englische Publizist Victor Gollancz gebeten, im Hauptquartier der britischen Rheinarmee in Bad Oeynhausen, dem britischen Hohen Kommissar in Deutschland zu intervenieren. Eingeschaltet wurden auch die Landesregierung, die Arbeitsgemeinschaft der Besatzungsgeschädigten sowie die regionale, aber auch überregionale Presse wie „Der Spiegel“, die „Welt“ und das „Hamburger Abendblatt“.

Um ihren Protest zu unterstreichen, versahen sie das Gebäude mit schwarzen Fahnen (siehe Abbildung und Zeitungsausschnitte), eine Aktion, die für enormes publizistisches Interesse sorgte und deren Nachhaltigkeit bei den britischen Behörden für ein Umdenken sorgte. Die schwarzen Fahnen „schmückten“ das Gebäude eine Reihe von Tagen.

Im Januar 1951 teilte das Wohnungsamt den Bewohnern mit, dass der Räumungstermin um ca. 4 Wochen verschoben werde, um den Bewohnern die Möglichkeit zu geben, ihre Umquartierung in angemessene Ersatzquartiere möglichst reibungslos durchführen zu können. Gerüchte, die Beschlagnahme sei nicht nur aufgeschoben, sondern aufgehoben, wurden von den deutschen Behörden als haltlos bezeichnet.

Tatsächlich geschah aber nichts. Weder mußten die deutschen Bewohner ihr Heim verlassen noch machten die Briten Anstalten, ihre Militärangehörigen umzuquartieren. Die Wiederbeschlagnahme war schlicht ausgesetzt worden, ohne dass das den Bewohnern mitgeteilt wurde. Die Bewohner hatten mit ihrer zivilcouragierten und durchdachten Aktion einen Sieg errungen. Sie alle konnten in ihren Wohnungen bleiben.

Für historisch Interessierte: die Bundesrepublik Deutschland wurde zwar bereits im Mai 1949 gegründet, erhielt aber nur eine Teilsouveränität, die zunächst mit den Pariser Verträgen von 1955 ausgeweitet wurde. Der Rest der sog. Alliierten Vorbehalte erlosch erst 1990 mit der Wiedervereinigung.

In den Jahren 1950/51 waren die Briten also noch faktische Besatzungsmacht, obwohl es offiziell keine Britische Besatzungszone mehr gab.

Rolf Fechner

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