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Kaiserallee 1 - Bellavista

Travemünder Häuser Nr. 79

Kaiserallee 1

Bellavista

In der letzten Ausgabe hatte ich über das Haus Bertlingstr. 2 berichtet.

Was liegt näher – im wahrsten Sinne des Wortes – nun das Nachbarhaus Kaiserallee 1, das „Bellavista“, vorzustellen, zumal, wenn man weiß, dass beide Häuser früher durch denselben Eigentümer verbunden waren und auch jetzt noch eine Teileigentümergemeinschaft bilden.

Kaiserallee 1 um1900
um1900

Gebaut wurde es bereits 1887. Es gehörte damit zu den ersten Häusern, die an der neu angelegten Kaiserallee errichtet wurden. Konzipiert wurde es von einem Mailänder Architekten. Das im mediterranen Stil erbaute Gebäude erhielt von seinem ersten Eigentümer, Paul Alexander Beckmann, den Namen „Bella Vista“ (italienisch für „Schöne Aussicht“).

Warum denn „Schöne Aussicht“, werden Sie sich fragen? Die Antwort fällt leicht, wenn man sich die damalige Bebauung vorstellt: das Casinogebäude war noch lange nicht errichtet (es kam erst 1912 dazu), so dass man vom „Bella Vista“ einen hervorragenden, auch nicht durch Bäume verstellten, Blick auf die Ostsee werfen konnte. Der Betrachter konnte also über den Strandhafer hinüber den Anblick des Meeres genießen. Hier kommt hinzu, dass auch noch keine befestigte Strandpromenade existierte – diese wurde erst 1899/1900 erbaut.

Kaiserallee 1 Straßenansicht
Straßenansicht

Nachdem Herr Beckmann das Gebäude vom 05.02.1887 besaß, ging das Eigentum am 23.09.1893 auf Heinrich Matthias Haack über. Mit dessen Tod erbte seine Witwe Johanna Dorothea Elisabeth geb. Schütsch am 21.03.1900 das „Bella Vista“.

Diese verkaufte es an Maximilian Ludwig Sandt, der vom 28.11.1901 bis 13.11.1904 im Grundbuch als Eigentümer aufgeführt wurde.

Im Jahre 1904 erwarb der aus Oldenburg/Holstein stammende Malermeister Johannes Heinrich Scheel das Gebäude, wo er dann offensichtlich mehrere Jahrzehnte mit seiner Familie wohnte (siehe UT 1/338). Das Grundbuch weist ihn sowie seine unmittelbaren Erben als Eigentümer vom 14.11.1904 bis 26.11.1954 aus. Ab 27.11.1954 ging das Eigentum auf den Kaufmann Hans Scheel über. Nach dessen Tod erbte seine Witwe Irene Scheel das Gebäude. Sie wurde ab 10.06.1981 im Grundbuch geführt, bis sie das Haus 1982 an die Ceccaroli oHG verkaufte.

Die Eigentumsverhältnisse sind damit für die Vergangenheit – dank Adriano („Nino“) Ceccarolis hervorragender Recherche – genauestens geklärt.

Nicht so eindeutig zu belegen ist allerdings, wer das Gebäude nach Auszug der Familie Scheel bis Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts bewohnt bzw. genutzt hat.

Kaiserallee 1 - 50er Jahre
50er Jahre

Hier finden sich erst seit Beginn der 50er Jahre nähere Informationen:

Soweit sich recherchieren läßt, wurde dort zunächst die Schlachterei Knoop betrieben. Danach richtete sich der Imbiss Reimers dort ein. Einfach, aber wegen der Lage sicher eine Goldgrube: Privat-PKWs waren noch nicht so verbreitet, so dass jeder potentielle Strandbesucher bei Reimers vorbei mußte, gleichgültig, ob er mit der Bahn oder dem Bus angereist war.

Kaiserallee 1 - 60er Jahre
60er Jahre

Nachfolger war ein Herr Schröder aus Hamburg, der in dem Gebäude den Night Club „La Nuit“ betrieb. Herr Schröder besaß zusätzlich den Nightclub „Tarantella“ und einen namentlich nicht mehr bekannten Nachtclub auf Sylt.

Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahre wurde hier die Gaststätte „Zum Fischer“ betrieben, besonders beliebt wegen des Billardspiels.

Danach stand das Haus fast ein Jahr leer, bis es die Familie Mazzorana im Oktober 1974 pachtete.

Die Familie Mazzorana, die bereits eine Eisdiele in der Vorderreihe besaß, betrieb bis Ende 1978 eine Restauration in dem Gebäude und nannte ihre Gaststätte wie ihre Eisdiele „Dolomiti“.

Natürlich war das selbst produzierte Eis der Renner. Auch italienische Speisen wurden selbstverständlich angeboten.

Ab Januar 1979 wechselte der Pächter: dies war nunmehr die Ceccaroli oHG mit den persönlich haftenden Gesellschaftern Adriano Ceccaroli, Dante Valz-Brenta und Marco Tata, die auch die Einrichtung der Familie Mazzorana übernahmen.

Einen kleinen Schlenker möchte ich mir hier erlauben: diese drei Gastronomen hatten auch das „Marco Polo“ im neu errichteten Nachbarhaus des Casino eingerichtet. Die im maritimen Stil konzipierte Gaststätte – die jetzt die „Kogge“ beherbergt – wurde von einem italienischen Architekten geplant. Die Einrichtung wurde in Italien gebaut, zerlegt nach Travemünde transportiert und dann nach Maß zusammengesetzt.

Im Jahre 1982 hatte die Ceccaroli oHG die Gelegenheit, das Grundstück und Gebäude Kaiserallee 1 käuflich zu erwerben (siehe Chronologie der Eigentümer). 1986 wurde die Gaststätte von „Dolomiti“ in „Bellavista“ umbenannt. Damit trägt es phonetisch den gleichen Namen wie zu seiner Erbauung.

Ende 1988 schieden die Mitgesellschafter Valz-Brenta und Tata aus, so dass Adriano Ceccaroli das „Bellavista“ ab 01.Januar 1989 als Alleineigentümer und Betreiber übernahm.

A. Ceccaroli ist 1941 in Pesaro geboren. Pesaro könnte Klassikliebhabern auch als Geburtsort des Komponisten G. Rossini geläufig sein.

A. Ceccaroli kam am 01.Mai 1959 nach Deutschland (konnte also gerade in diesem Jahr sein Goldenes Jubiläum feiern) und 1960 nach Travemünde.

Kaiserallee 1 - Restaurant Bellavista
Restaurant Bellavista

Nachstehend möchte ich nur ein paar seiner Berufsstationen aufführen: zunächst arbeitete er als Jungkellner im Casino, dann im Golfhotel – wo er auch Konrad Adenauer bewirten durfte. Weitere Stationen führten ihn zunächst ins Ausland (Lausanne, London), dann wieder ins Casino zurück. 1969 fuhr er auf der „Hanseatic“, dann arbeitete er als Restaurantchef im Lysia-Hotel/Lübeck.

Nachdem er von 1973 bis Ende September 1974 als Restaurantdirektor im „Maritim Travemünde“ gearbeitet hatte, machte er sich vom 1. Oktober 1974 bis Ende Oktober 1978 mit dem Parkrestaurant bei den Tennisplätzen selbständig, bis er dann – zunächst gemeinsam mit seinen Mitgesellschaftern – und dann allein das Restaurant &132;Bellavista“ bis Ende 2002 führte.

Aus erster Ehe hat er zwei Kinder, von denen sein 1968 geborener Sohn Marco seit 1. Januar 2003 das Restaurant „Bellavista“ mit großem Erfolg fortführt.

Nach dem Besuch der Travemünder Realschule lernte Marco zunächst Koch im Casino, wo er die Prüfung mit Auszeichnung bestand und studierte nach erlangter Fachhochschulreife Betriebswirtschaftslehre. Nach seiner Ausbildung als Koch und Diplom-Betriebswirt folgte ein mehrmonatiger Aufenthalt in Italien, um seine Kenntnisse in italienischer Kochkunst, Kultur und Sprache zu vertiefen. Danach mußte er sich zunächst in der Küche und am Buffet beweisen, bevor ihm das Restaurant übertragen wurde.

Die Küche ist nunmehr etwas stärker italienisch geprägt, als dies zu Adriano Ceccarolis Zeiten der Fall war: dazu fährt Marco zwei bis drei Mal im Jahr nach Italien, um sich Anregungen zu holen und Produkte zu kaufen.

Für seine Kochkunst hat ihm der „Große Restaurant- und Hotelguide 2009“ zwei Kochmützen verliehen. Herzlichen Glückwunsch!

Eine besondere Attraktion waren seit Mitte der 80er Jahre die Auftritte der italienischen Band „Usi e costumi“, die sich mit ihrer Musik in die Herzen der Zuhörer spielte.

Kaiserallee 1- um 1900
um 1900

Das Essen kann man nicht nur im Restaurant genießen, sondern das „Bellavista“ verfügt auch über einen Cateringservice.

Kaiserallee 1 - 2009
2009

Nach etlichen Umbauten in den letzten Jahren hat das „Bellavista“ nunmehr über 250 Plätze, davon 80 Plätze im Innen- und 170 im Außenbereich, wovon 40 in einem Wintergarten überdacht sind.

Rolf Fechner

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