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Vorderreihe 45

Travemünder Häuser Nr. 84

Vorderreihe 45

Wenn man die Geschichte der Stadtplanung von Travemünde über einen längeren Zeitraum betrachtet, so kommt man zu dem Ergebnis, dass der Mittelpunkt des Ortes bei seiner Gründung im frühen Mittelalter die St. Lorenz-Kirche gewesen ist. Dort am Torende haben die Fischer und Handwerker gelebt, die den Kern der Bevölkerung ausgemacht haben.

Vorderreihe

An diesen Sachverhalt ansetzend, hat sich mein Schwager, Gerwin Morstadt, schon vor Jahren für die Geschichte unserer Vorfahren und unserer Familie interessiert. So hat er bereits im Jahre 2002 in den Adressbüchern und im Archiv der Stadt Lübeck nach Angehörigen unserer Großfamilie und deren weitere Anverwandte geforscht. Das Ergebnis der Ermittlungen hat er in den einzelnen nachfolgenden Aufstellungen festgehalten. Hierbei sind insbesondere die Vorläufer der Familie Esemann aufgeführt, die später in der Vorderreihe 45 wohnten und dem Haus das Gepräge gaben. Aber es ist auch angegeben, wie und wo ihre Vorfahren am Torende ihre Wurzeln hatten und dort gewohnt haben müssen.

Doch kommen wir nun zur Familie Esemann:

Karl Esemann wurde 1857 in Dassow geboren. Von dort kam er nach Travemünde und heiratete Berta Möller, eine Tochter von Peter Möller. Das Ehepaar Karl und Berta Esemann hatte fünf Kinder, wozu auch meine Mutter Anni Esemann als jüngste Tochter gehörte. Geboren wurde meine Mutter am 26.Oktober 1896 in der Vorderreihe 45.

Vorderreihe - Ostpreußenkai

Nun aber zum Grundstück Vorderreihe 45. Es hatte ursprünglich wohl als kleines Fischerhaus einer Frau Elisabeth Timmermann geb. Kleinfeld gehört. Als sie krank wurde, pflegte sie ihre Nichte Henriette Kleinfeld (meine Urgroßmutter). Als Elisabeth Timmermann 1855 starb, war ihre Nichte die Erbin des Hauses, eines Ackers und des Familiengrabes.

Hierzu muss man wissen, dass unter Napoleon die Kirchengüter in Travemünde eingezogen wurden. Dafür erhielten die Hausbesitzer ein kostenloses kirchliches Familiengrab und zur Eigenversorgung ein Stück Land. Für unsere Vorfahren war das neben der Grabstätte auf dem Friedhof ein Acker unterhalb der späteren Fehlingstrasse. Das alles gehörte zur Erbschaft des kleinen Hauses in der Vorderreihe 45.

Nachdem mein Großvater Karl Esemann, der Maurermeister und später auch Partikulier war, Berta Möller geheiratet hatte, beauftragte ihn sein Schwiegervater Peter Möller, in der Vorderreihe 45 ein neues und größeres Haus zu bauen. Es sollte insgesamt genügend Wohnraum für die Familien von Peter Möller und Karl Esemann bieten. So wurde das Haus im jetzigen Grundriss, vermutlich zwischen 1888 und 1890, errichtet.

Doch meine Urgroßmutter, Henriette Möller, geb. Kleinfeld, war bereits 1892 gestorben und mein Urgroßvater Peter Möller folgte ihr 1896.

Vorderreihe 45Da sie im ersten Stock gewohnt hatten, war diese Wohnung zur Vermietung freigeworden. Daher zog dort eine Familie Ehlers ein. Herr Ehlers hatte in Mecklenburg seinen landwirtschaftlichen Besitz verkauft und sich in Travemünde zur Ruhe gesetzt. Es waren liebenswerte Leute, bei denen sich meine Mutter als Kind gerne aufhielt. Als der erste Weltkrieg zu Ende war, zog die Familie Ehlers nach Lübeck. In deren Wohnung zog nun mein Großvater Karl Esemann ein.

In der ursprünglichen Wohnung meines Großvaters wurde im Erdgeschoss in der Veranda ein Ladengeschäft für feine Schokoladen, Pralinen und Marzipan eingerichtet. Inhaberin war Frau Anna Orth, deren Mann im hinteren Anbau eine Schuhmacherwerkstatt unterhielt. Mitte der dreißiger Jahre gaben Frau und Herr Orth ihre Geschäftstätigkeiten auf und zogen aus. Danach wurde das Erdgeschoss wieder als Wohnung eingerichtet.

Mein Vater, Emil Erlenbach, war 1917 als Flugschüler auf den Priwall gekommen. Nachdem er seine Ausbildung beendet hatte, wurde er als Flugzeugführer an der Front eingesetzt.

Nach dem Krieg absolvierte er ein Studium als Bauingenieur. Am 18. Mai 1923 heiratete er meine Mutter Anni, geb.Esemann., die er ja als Flugschüler kennengelernt hatte. Am 31. März 1924 wurde ich dann im 1. Stock in der Vorderreihe 45 geboren. Kurz darauf zogen meine Eltern jedoch nach Essen, da mein Vater dort eine gute Stellung als Bauingenieur antreten konnte.

Vorderreihe 45Doch 1931 zog es meine Familie wieder zu meinem Großvater nach Travemünde, wo wir mit ihm zusammen im 1.Stock wohnten. In Travemünde war mein Vater später als Bauingenieur bei der Erprobungsstelle der Luftwaffe auf dem Priwall beschäftigt. Als dort die Bauarbeiten beendet waren, wurde er von der Luftwaffe nach Frankfurt am Main versetzt. Doch zuvor waren wir bereits 1936 in eine größere Wohnung nach Lübeck gezogen, wo am 1.April 1937 dann auch meine Schwester Renate geboren wurde.

Aber auch in der Vorderreihe hatte es zu jener Zeit einschneidende Veränderungen gegeben. So war mein Großvater Karl Esemann am 1.März 1937 gestorben. Da meine Großmutter bereits 1917 verstorben war, fiel das Erbe mit Zustimmung aller Erbberechtigten an seinen Sohn Hermann Esemann. Als auch er am 31.März 1950 starb, kam das Haus mit dem Familiengrab und dem Acker an seine Frau Irma. Doch mit weiter zunehmendem Alter verlegte sie ihren Wohnsitz in die Seniorenresidenz auf dem Priwall. Damit aber ging der Besitz des Hauses Vorderreihe 45 in fremde Hände über.

Die weitere Geschichte des Hauses ist in meinen Nachforschungen nicht enthalten. Zum Abschluss möchte ich noch ausdrücklich betonen, dass ich persönlich die Geschichte der Vorderreihe 45 nur als Kind selbst erlebt habe. Das geschah von 1931 bis 1936, und auch das mit kurzen Unterbrechungen. Alles andere habe ich vom Hörensagen von meinen Eltern und von meinem Großvater.

Horst Erlenbach

Anmerkung: der Beitrag wurde geringfügig gekürzt (RF)

Bildmaterial: Horst Erlenbach und Rolf Fechner

Zur Geschichte des Hauses Vorderreihe 45 (Ergänzung)
Der Besitz des Hauses Vorderreihe 45 ging 1950 nicht in fremde Hände über, denn am 1. Mai mietete mein Vater, Apotheker Werner Januschek, die gesamte untere Etage einschließlich der Hofräume, in denen einmal der Schuster arbeitete und eröffnete dort die „Anker Apotheke“. Frau Esemann hatte die untere Etage an Familie Schmidt vermietet, die dann zum Steenkamp zog. Frau Esemann bewohnte die erste Etage, bis dort die Praxis von Dr. Pingel einzog.

Eine kleinere Wohnung wurde für Frau Esemann über den Hofgebäuden ausgebaut. Nach der Auflösung der Praxis zog Frau Esemann wieder in die vordere Wohnung ein und vermietete die hintere kleine Wohnung. Sie lebte in der vorderen Wohnung sehr zufrieden. 1984 übernahm ich, Ursula Nehring, als Pächterin, später als Besitzerin die Apotheke und als Mieterin die Räume. 1991 konnte ich das Haus von Frau Esemann, die damals bereits über 80 Jahre alt war, erwerben. Frau Esemann zog dann in den „Rosenhof“, wo sie die letzten 5 Lebensjahre verbrachte. Also erst 1991 kam das Haus in sogenannte „fremde Hände“.

Ursula Nehring

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