Portrait

Otto Timmermann

Otto Timmermann

Kirchenvogt
der Travemünder St.Lorenz-Kirche a.D.
geb. am 19. November 1916

Im Jahre 1990 erster Bürgerpreisträger
des Gemeinnützigen Vereins zu Travemünde

Am 19. November 2001 wurde Otto Timmermann 85 Jahre alt. Er entstammt einer alten Travemünder Familie. Sein Vaterhaus, in dem er jetzt immer noch wohnt, an der Kurgartenstraße 49 war an diesem Tage Ziel vieler Travemünder, die ihm gratulieren und danken wollten für alle guten Werke, die er in stiller Bescheidenheit für viele Travemünder Bürger geleistet hat.

Zahlreiche Ereignisse und Geschichten aus seinem langen und beileibe nicht immer einfachen Leben hat er aufgeschrieben, meist in seiner „Muttersprache“ auf Plattdütsch; gesammelt und zusammengestellt hat sie sein Freund Wolfgang Prühs. Für den Gemeinnützigen Verein zu Travemünde war es eine Ehre, diese beiden kleinen Bücher, „Otto Timmermann vertellt...“ und „Otto Timmermann erinnert sich...“ in seine Schriftenreihe aufzunehmen und herauszugeben. Interessenten können diese kleinen, aber feinen Werke in der Buchhandlung Nitz oder in der Geschäftsstelle des Gemeinnützigen Vereins im Otto-Melchert-Haus am Godewind 4 erwerben.

Otto Timmermann wollte den 85. Geburtstag in seiner geliebten Travemünder St. Lorenz-Kirche mit zahlreichen Freunden begehen. Viele Gedanken, Erinnerungen und Begebenheiten aus dem Leben von Otto Timmermann schilderte Herr Pastor Dahl in der Andacht mit humorvollen und bewegenden Worten, die Sie nun noch einmal nachlesen können.

Andacht zum 85. Geburtstag von Otto Timmermann
am 19. November 2001


Lieber Herr Timmermann!

Wie vor 5 Jahren wollten Sie auch dieses Mal Ihre Geburtstagsfeier mit einer Andacht in der St. Lorenz-Kirche beginnen. Es hat sich herumgesprochen und, wie wir sehen, sind viele Menschen hergekommen, um teilzunehmen.

Was ist anders als zum 80. Geburtstag? Sie und wir sind fünf Jahre älter geworden, ganz allmählich und unaufhaltsam. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Ihre Kurgartenstraße hat einen neuen Look bekommen, und in unserer Kirche zeigt sich der Vorraum in neuer Gestalt.

Was aber ist für Sie anders geworden? Sie haben in der letzten Zeit immer wieder davon gesprochen, daß Ihre Kräfte weniger werden und daß Sie die Last der hohen Jahre immer stärker spüren. Sie haben daher beschlossen, daß nun Schluß sein soll mit den Aufgaben im Altenclub. Nicht Schluß mit dem Altenclub, natürlich nicht. Da werden Sie, wann immer Sie wollen und können, auch in Zukunft hingehen und von Herzen willkommen sein. Aber das, was Sie so viele Jahre, auch nach dem ersten offiziellen Abschied 1985, immer wieder getan haben, das soll nun wirklich in andere Hände übergehen.

Und ich bitte Sie alle, liebe Helferinnen und liebe Besucher des Altenclubs, das auch gelten zu lassen.

Mit 85 Jahren soll Otto Timmermann nicht mehr jeden Morgen den Altenclub aufschließen, die Heizung anstelllen, Blätter harken, den Zuweg fegen, die Terrasse säubern, Blumen pflanzen oder die Vasen mit frischen Blumen schmücken, soll nicht mehr zu Bäcker Simon laufen und Kuchen bestellen und am nächsten Tag die Kuchenbleche wieder hintragen und vieles andere mehr, was ich gar nicht aufzählen kann.

Er hat das gern und mit viel Liebe getan, und wir haben es gern angenommen. Mancher hat vielleicht nie danach gefragt, ob Otto das nicht zuviel würde. Es war alles so selbstverständlich.

Aber nun haben wir seinen ausdrücklichen Wunsch ganz ernst zu nehmen und ihm wirklich gemeinsam zu einem späten Ruhestand zu verhelfen. Das ist eine große Veränderung vom heutigen Tage an.

Übrigens, das sollte auch für alle gelten, die in der Vergangenheit Otto Timmermann gern eingeladen haben zu Vorträgen, all die Vereine und Clubs, die es in unserem Ort gibt. Denkt daran, daß das für ihn mit 85 Jahren eine sehr anstrengende Angelegenheit wäre. Ich weiß, daß er schlecht Nein sagen kann, wenn er gebeten wird. Und darum: denkt nicht an Eure Freude, die Ihr mit ihm hattet, sondern denkt an ihn! Denn er ist 85, und das, ist kein Pappenstiel!

Lieber Herr Timmermann, von Kind an hat das Leben Ihnen die unterschiedlichsten Pflichten und Aufgaben vor die Füße gelegt. Jetzt am späten Lebensabend kommt ein anderes Angebot, nämlich frei zu werden von Aufgaben und Pflicht, mehr zuzuschauen und nachzusinnen über das wunderliche Leben und nach innen zu horchen. Tun und Machen hat seine Zeit gehabt, Verantwortung tragen, Bestimmen, Organisieren und sich um viele Dinge Sorgen machen. Auch in der Öffentlichkeit stehen und immer wieder in die Öffentlichkeit treten, das hat seine Zeit gehabt. Nun ist etwas Anderes dran. Und solange Gott Ihnen Zeit schenkt, wird dieses Andere mehr und mehr Ihr Leben bestimmen. Viele Menschen treten in diese Lebensphase in weitaus jüngeren Jahren und machen sich damit vertraut.

Wenn Sie zurückschauen am 85. Geburtstag, so liegt da eine ungeheure Strecke gelebten Lebens. Es ist unmöglich, das nachzuerzählen. Deshalb nenne ich nur einige Schlagzeilen:

Geburt und Kindheit in der Kurgartenstraße, Schuljunge, Konfirmand und Küsterjunge bis 1931. Helfer in der Gärtnerei von Peter Lehnert, Hausdiener auf „Hermannshöhe“. Bahrendorf dann, Helfer der Großmutter, nachdem Großvater verstorben war, Laubharken im Park für 1 Mark pro Tag, dann in der Landarbeiterkolonne und zurück nach „Hermannshöhe“. Arbeitsdienst, Militärausbildung in Rendsburg, Kriegseinsatz in Hamburg und Halberstadt, zuletzt an der Oder. Verwundet, aber mit dem Leben davongekommen. Auf abenteuerliche Weise vom Vater zurückgeholt nach Travemünde. Lazarettaufenthalt. Und dann Küster bis zum letzten Sylvesterläuten 1978. Und danach nur noch und vor allem der Altenclub. Daneben das Schreiben und Vortragen in Hoch und Platt, immer auf den Spuren des vergangenen Travemünde.

Das Zuhause blieb immer Kurgartenstraße 49, an der Seite Ihrer lieben Frau. Und Hans war da, damals ein lütter Kerl, inzwischen längst erwachsen mit eigener Familie: ja, Sie haben zwei wunderbare Enkelkinder. Wir denken auch an die vielen, von denen Abschied genommen wurde in der langen Zeit: Großeltern, Eltern, Geschwister, Schwiegereltern und die, die Freunde waren oder gute Bekannte. Alles vergangen, weit zurück. Immer ein Schwerpunkt Ihres Lebens diese alte Kirche und der Gottesdienst als Nahrung für die Seele. Von der großen Welt haben Sie, außer in den Kriegsjahren, fast nichts gesehen. Aber Sie wollten das auch niemals. Zu fest hielten die Travemünder Wurzeln. Woanders zu sein, das hatte für Sie keinen Reiz.

Man hat Sie, lieber Herr Timmermann, schon oft ein Travemünder Original genannt. Das ist ein Ehrentitel. Aber was heißt das? Sie sind durch und durch ein Travemünder, aber Sie sind nicht ein typischer Travemünder. Sie sind ein Original, weil Sie sich vom typischen Travemünder unterscheiden.

Wodurch?

Der typische Travemünder hat durchaus Humor, aber er lacht am liebsten über andere, kaum über sich selbst. Sonst ist er eher gnadderig, leicht beleidigt und schnell unzufrieden. Er kann sich über vieles aufregen, z.B. über die Lübecker, über die Regierung, überhaupt „över de Grooten“ und auch über seine Nachbarn. Der typische Travemünder schafft es fast nie, mit anderen typischen Travemündern einig zu sein. Neuzugezogene haben es schwer, mit ihm warm zu werden. Er liebt Fremde hauptsächlich als Kurgäste, die ja zum Glück wieder verschwinden, wenn sie ihr Geld hier gelassen haben. Der typische Travemünder hat ein merkwürdiges Verhältnis zu seiner schönen, alten St. Lorenz-Kirche. Er liebt sie, aber er besucht sie nur dann, wenn es gar nicht anders geht. Meistens läßt er sie links liegen. Am Leben seiner Gemeinde nimmt er nicht teil. Aber er wacht mit scharfen Augen über alles, was „die Kirche“ so macht. Und wehe, sie macht was falsch! Da kann er richtig protestantisch werden. Dem typischen Travemünder, wenn er denn mal im Gottesdienst auftaucht, ist es fast unmöglich zu singen, besonders wenn es sich um ein männliches Exemplar handelt. Er kriegt einfach den Mund nicht auf. Und den Pastor braucht er ähnlich wie die Freiwillige Feuerwehr - nur, wenn es brennt. Merken Sie, meine Lieben, wieso Otto Timmermann gerade kein typischer Travemünder ist? Er ist ein Original. Deshalb lieben ihn die typischen Travemünder so sehr. Er ist einer von ihnen und doch ganz anders!

Ja, lieber Herr Timmermann, zu Ihrem Originalsein gehört auch Ihre für Travemünder untypische Verbundenheit mit diesem Gotteshaus, den Gottesdiensten und dem Leben der Gemeinde. Ihre Erlebnisse in und mit der Kirche könnten einen ganzen Roman abgeben. Und die Liste der Pastoren und Mitarbeiter, mit denen Sie zu tun hatten, ist lang. Da ist viel Menschliches gewesen, Trauriges und Fröhliches, Ernstes und Komisches. Und mitten drin immer das deutende Gotteswort, das das Leben begleitete. Ich weiß, daß Sie mit viel Dankbarkeit auf Ihr langes Leben zurückblicken. Die Spuren von Segen lassen sich oft kaum in der Gegenwart erkennen, aber sehr deutlich im Rückblick, wenn alles schon gewesen ist.

Wir feiern heute mit Ihnen. Wir wollen Ihnen damit zeigen, wie gern wir mit Ihnen zusammen waren und zusammen sind. Wir sagen Gott Dank, daß wir ein Stück unseres Lebens mit Ihnen teilen konnten. Wir bitten um Gottes Geleit für Sie und für uns. Und wir nehmen auf und mit, was Ihnen Pastor Gädecke bei Ihrer Konfirmation mitgegeben hat:

Dein Leben lang habe Gott vor Augen
und im Herzen und hüte dich,
daß du in keine Sünde willigst
und tust wider Gottes Gebot.


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