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Hotel „Zum Landhaus“

Travemünder Häuser Nr. 48

Fehlingstraße 67

Es könnte in einem Ort der Holsteinischen Schweiz stehen, in Bosau oder Pönitz am See, auch auf die Mecklenburger Seite, in Dassow oder Pötenitz z.B. würde es mit seinem Fachwerk passen, ohne besonders aufzufallen, das Hotel und Restaurant „Zum Landhaus“! In der Fehlingstraße bemerkt man es sofort zwischen den Villen aus der Gründerzeit, dem Parkhotel und den Siedlungshäusern auf der anderen Straßenseite. Es lädt mit seinem gastfreundlichen, behaglichen und irgendwie gemütlichen Aussehen zur Einkehr und zum Verweilen mit der Familie oder Freunden geradezu ein. Und wer dieser Einladung einmal gefolgt ist, wird es nicht bereuen und gerne einmal wiederkehren.

Seit 1933 ist es im Besitz der Familie Pätow. Von Herrn Claus Pätow, den viele Travemünder kennen, stammen auch die Informationen über die „Geburt“ des Landhauses, die auf mündliche Überlieferung und wenigen Dokumenten aus der Zeit vor 1933 beruhen.

Angeblich soll das „Landhaus“ als Bauernstelle einmal dort gestanden haben, wo sich heute das Hotel „Seestern“ befindet. Dieser Bauernhof mußte um 1900 der Erweiterung der Seebadeanstalt Travemünde weichen. Heute ist es durchaus üblich, erhaltenswerte Fachwerkhäuser umzusetzen, wie viele sehenswerte Häuser in den Museumsdörfern, z. B. in Molfsee bei Kiel oder dem Kiekeberg bei Harburg eindrucksvoll beweisen.

Sparsam, wie man damals sein mußte, hatte man wohl die Balken des gut erhaltenen und soliden Fachwerks weiter benutzt. Da die Hölzer ja passend zugeschnitten sind, wurde die Holzkonstruktion wieder original zusammengesetzt und neu ausgemauert. So könnte es gewesen sein. In diesem Zusammenhang wird das Jahr 1907 erwähnt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden ja auch am Godewindpark die alten Bürgerhäuser in der Fehlingstraße und auch die Verlängerung der Eisenbahnverbindung bis zum Strandbahnhof. Am jetzigen Standort wurde zunächst eine Milchwirtschaft mit Fuhrgeschäft und Zimmervermietung betrieben, wie wir einer Anzeige im Informationsheft der Travemünder Kurverwaltung für die Saison 1912 entnehmen können.

Anzeige im Informationsheft der Kurverwaltung von 1912

Die Angabe „Vis-a-vis Strandbahnhof“ weist darauf hin, daß die gegenüberliegende Seite der Fehlingstraße noch nicht bebaut war. Nur das Parkhotel stand schon als repräsentativer Bau an der Straßenecke zum Godewind.

In den folgenden Jahren hatte man die Viehställe dann zu Garagen umgebaut und besonders damit geworben, daß Garagen und Zimmer für die Autos, Chauffeure und sonstige Dienstboten der in den nahe gelegenen Strandhotels logierenden Herrschaften bereit stünden. So hat sich allmählich aus dem Bauernhof mit Milchausschank die im Erlaubnisschein der Freien und Hansestadt Lübeck, die für den Kellner Wilhelm Pätow in Travemünde am 19. Mai 1933 ausgestellt wurde, die sogenannte „Gastwirtschaft mit Bierrestaurant“ entwickelt.

Weitere Besitzer vor 1933 waren offenbar ein Heinrich Granz, aus dessen Zeit Herr Pätow noch eine alte Postkarte besitzt, und ein Herr Meyer, dessen Name in den fünfziger Jahren noch in einer verblichenen Inschrift auf der Hauswand zu lesen war.

Herr Friedrich Wilhelm Pätow (1878-1965) war Oberkellner im Lübecker Ratskeller. Von den dort verkehrenden Direktoren der Lübecker Girozentrale und der Niederlassung der Elbschloß-Brauerei Harnburg wurde er befragt, ob er nicht das Hotel „Zum Landhaus“ in Travemünde, dessen bisheriger Betreiber gerade Pleite gemacht hatte, übernehmen wolle. Da Pätow schon öfter versucht hatte, sich selbständig zu machen, wurde im Familienrat beschlossen, dieses Angebot anzunehmen.

Erlaubnisschein

Erlaubnisschein

Zusammen mit seiner Frau Lisette (1880-1965) pachtete er zunächst den Betrieb gegen Zahlung von 1.800,– Reichsmark für ein Jahr, um das Haus dann 1934 käuflich zu erwerben. Ihr Sohn Willhelm (Willi) 1906-1955, der Vater von Claus Pätow, der seit der „Weltwirtschaftskrise“ von 1929 in seinem kaufmännischen Beruf keine Arbeit mehr gefunden hatte, half im elterlichen Betrieb tatkräftig mit.

1936 gab es eine interessante „Einquartierung“ im Hotel. Ein Mecklenburger Großgrundbesitzer war nach Zerwürfnissen mit dem NSDAP-Gauleiter enteignet worden und nach Travemünde verzogen, wo er eine Villa in der Kaiserallee, die inzwischen einem banalen Appartement-Neubau weichen mußte, erwarb. Während diese renoviert wurde, logierte das mitgebrachte Personal im Hotel „Zum Landhaus“. Dazu gehörte auch Henny Imme (1906-1993), die für ihre „Herrschaft“ als Köchin tätig war. Willi Pätow und Henny Imme fanden Gefallen aneinander und heirateten. Diese erfreuliche Entwicklung führte zum Wechsel der jungen Frau in die Küche des „Landhauses“, deren Ruf als gutbürgerliches Restaurant in Travemünde damit begründet wurde.

1945 wurde das Haus größtenteils von den Engländern beschlagnahmt und diente als Militärunterkunft und Lazarett. Auch gab es in dieser schlimmen Nachkriegszeit zahlreiche Einquartierungen von Flüchtlingen und Vertriebenen aus den Ostgebieten.

Herr Claus Pätow berichtete mir, daß sich das Landhaus besonders in den fünfziger Jahren als Speiserestaurant in Travemünde größter Beliebtheit erfreute. Als Familienbetrieb war es außer an Heiligabend und Karfreitag rund um die Uhr geöffnet. Die Schwestern von Herrn Pätow und seiner Frau, die vielen alten Travemündern noch heute bekannte Grete Wischnewski geb. Pätow und Gerda Zimmermann gehörten zur immer tätigen Belegschaft. Das Restaurant war ein beliebter Treff für Nachtschwärmer und für die sich nach „Feierabend“ in den frühen Morgenstunden noch einfindenden Travemünder Kellner und Croupiers.

Zu den prominenten Gästen gehörten der fast vergessene Schlagersänger Horst Winter und der alten Travemündern und Kurgästen noch unvergessene Chef des Kurorchesters Antonio Puttini.

Im Hinterhaus hatte Walter Lindner, genannt Auto-Lucky, – ein Travemünder Original – seine Autoreparaturwerkstatt. Es gab kein Auto oder Motorrad, gleich welchen Fabrikats, das Lucky nicht wieder zum Laufen brachte. Selbst den Studebaker von Hildegard Knef brachte er wieder auf Vordermann. Die Werkstatt sah abenteuerlich aus und trotzdem hatte alles seinen Platz. Viele Ersatzteile holte sich Lucky vom Schrottplatz, und so mancher Kunde war damals froh, daß sein Fahrzeug noch repariert werden konnte.

In diesem Hinterhaus hatte dann auch jahrzehntelang der Schuhmachermeister Erich Porsche seine Werkstatt, die zugleich eine Informationsbörse für Neuigkeiten aus und über Travemünde war. Auch siedelte sich dort eine Jalousiefabrik an, die 1965 in einer spektakulären Feuersbrunst zugrunde ging.

Nach dem frühen Tod von Wilhelm Pätow im Jahre 1955 und mit zunehmendem Alter seiner Eltern ergab sich die Notwendigkeit, den Familienbetrieb aufzugeben. Claus Pätow als einziger Nachkomme war nicht nur viel zu jung, sondern sollte auch beruflich einen anderen Weg einschlagen. Nach dem Besuch des Gymnasiums wurde er Jurist und ist heute als Vorsitzender Richter beim Landesarbeitsgericht in Rostock tätig.

„Zum Landhaus“ Innenansicht

So wurde der Hotelbetrieb im Laufe der Jahre wechselnden Pächtern übergeben. Aber das Haus blieb weiter im Besitz der Familie Pätow. Claus Pätow wohnt heute mit seiner Frau Gisela Panther-Pätow, die frühere Pflegedienstleiterin im Priwall-Krankenhaus war, im „Landhaus“, in dem er geboren wurde und aufgewachsen ist. 1990 erbte er Haus und Grundstück. So blieb der Pätow’sche Geist dem Haus weiterhin erhalten. Die Modernisierung des Hotels und der Ausbau von Wohnungen und Ferienappartements gaben dem Haus innerlich und äußerlich einen neuen Reiz.Eingang Hotel und Koch Robeto Suello

Unter der jetzigen Pächterin Frau Silvia Rohloff und ihrem vorzüglichen Koch Roberto Suello ist das Restaurant für alle Gäste und Freunde des alten und jungen Hotels „Zum Landhaus“ ein gern besuchter Treffpunkt zum Schmausen und Feiern oder zum Früh- und Abendschoppen. Dazu wünschen wir allen Besuchern einen guten Appetit, ein fröhliches Prost und dem Haus viele zufriedene Gäste.

Helmuth Wieck

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