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Senator-Emil-Possehl-Halle

Travemünder Häuser Nr. 57

Steenkamp 32

Senator-Emil-Possehl-Halle
Sporthalle am Steenkamp

Fast zwanzig Jahre ist sie alt, die Senator-Emil-Possehl-Halle, kurz Steenkamphalle genannt, die große Sporthalle neben der Realschule Travemünde mit den internationalen Maßen. Die Entstehungsgeschichte dieses schönen und großen Gebäudes ist natürlich eng verbunden mit dem Turn- und Sportverein Travemünde von 1860 e. V. (TSV) und, man lese und staune, mit dem jährlich im August stattfindenden St. Lorenz- Markt rund um die Travemünder Kirche. Darauf komme ich später noch einmal zurück.

Der historische Ursprung für den Bau von Turnhallen, also auch der Steenkamphalle, wurde gelegt von Friedrich Ludwig Jahn, dem Turnvater (1778-1852), der mit seiner sehr patriotischen Idee von der Ertüchtigung des Körpers, damals natürlich nur des männlichen, den Grundstein gelegt hat für alle Turnhallen Deutschlands, vielleicht sogar der Welt. Diesem wackeren Manne ist auch die Gründung des TSV zuzuschreiben, der damals im Jahre 1860 vom Lotsenkommandeur G. Zuhr als Travemünder Männerturnverein (MTV) aus der Taufe gehoben wurde.

Honorige Männer, von denen viele auch Mitglied in der Travemünder Liedertafel und des Gemeinnützigen Vereins zu Travemünde waren, traten dem MTV bei. So hat zum Beispiel der allen bekannte Badearzt Dr. Hermann Zippel den Verein viele Jahre bis 1912 geleitet. Er war selbst aktiver Vorturner.

Das Leuchtenfeld wurde zum Turnplatz ausgewählt. Hier bauten die Mitglieder einen Turnschuppen. Auch Scheunen waren für die Ausübung der turnerischen Aktivitäten sehr beliebt. Diese Sportstätten sind also die Großeltern der Steenkamphalle. Übrigens gründete der Lehrer Taht schon bald eine Mädchengruppe, die unter seiner Leitung turnen durfte.

1935 feiert der MTV mit einer großen Festwoche vom 13. -19. Oktober sein 75- jähriges Bestehen. Der Verein hat jetzt 300 Mitglieder, Männer, Frauen und Jugendliche. Der 1. Vorsitzende ist der alten Travemündern gut bekannte Rudolf Padge, der später von Hans-Peter Köhn abgelöst und zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde.

Nach Kriegsende 1945 werden die Turn- und Sportvereine von der Militärregierung erst einmal verboten. In Travemünde betraf es außer dem MTV auch die Freie Turnerschaft Travemünde (FTT), die 1933 aus politischen Gründen verboten worden war und nun wieder aus den Ruinen auferstand, denn die ehemaligen Mitglieder wollten ihren Verein wieder neu gründen. Sie verzichteten aber darauf, weil sie während der 12 Jahre des so genannten 3. Reiches Aufnahme beim MTV gefunden hatten und nun zusammen weiter arbeiten wollten. Jetzt beschließt man, MTV und FTT unter dem neuen Vereinsnamen Turn- und Sportverein Travemünde von 1860 e. V. (TSV) weiter zu führen. Nach dem Neuanfang treffen sich die Mitglieder auf dem damaligen Trayag-Sportplatz an der Travemünder Allee, wo auch das Vereinsheim entsteht. Als Turnhalle stand ein barackenähnliches Gebäude auf dem Hof der Stadtschule Travemünde zur Verfügung, in dem sich auch die Schulküche befand, die kurz nach dem Kriege wichtiger war als Ausgabestelle der Schulspeisung. Die Einwohnerzahl Travemündes war kurz nach dem Kriege wegen der vielen Flüchtlinge, Vertriebenen und Bombengeschädigten auf über zwanzigtausend Menschen angewachsen. Dafür waren die sportlichen Möglichkeiten natürlich völlig unzureichend.

Die  große  Zahl  von  Kindern erforderte 1950 den Bau einer zweiten  Schule, der Volksschule Steenkamp. Aber für eine Turnhalle waren vorerst noch keine Mittel vorhanden. Im Sommer und bei schönem Wetter konnte man noch auf dem großen Schulhof und einer schönen Wiese Sport treiben. Im Winter mußte man sich mit einem unbeheizten großen Dachboden begnügen. Aus der Not machten die Sportlehrkräfte eine Tugend und „erfanden“ neue Spiel- und Turnarten, z. B. den Sitzfußball. Wegen der doch ziemlich unhaltbaren Zustände wurde nun doch der Bau von zwei Einheitsturnhallen für die beiden Schulen geplant. Die erste entstand 1955 am Steenkamp, die Turnhalle für die Stadtschule folgte einige Jahre später. Beide Hallen wurden auch vom TSV benutzt, waren aber für Ballspiele nur bedingt geeignet, weil sie zu klein waren.

Hatte man bis jetzt Feldhandball gespielt, so verlagerte sich diese Sportart immer mehr in die Halle. Da hatte der Architekt dieser kleinen Halle die beiden Tore an die Vorder- und Hinterwand malen lassen. Und die war aus Ziegelstein. Der Torwart schwebte immer in Lebensgefahr. Aber auch für das immer populärer werdende Baskettball- Spiel reichte die Grundfläche der beiden Hallen nicht aus. Für den Schulsport waren sie aber ein echter Gewinn.

Für Trainings- und Übungssport konnten der TSV und, nicht zu vergessen auch der Travemünder Tennis- und Hockeyclub e. V. (TTHC) sie aber ausgiebig nutzen. Für Zuschauer waren diese Hallen aber nicht geeignet. So waren die Ballspieler auf die größeren Hallen in Kücknitz und Buntekuh angewiesen. Das kostete Geld und hatte Versicherungsprobleme zur Folge. Anfang der siebziger Jahre wurde über eine schöne große Sporthalle nachgedacht. Zwischenzeitlich hatte die Stadt am Steenkamp neben der Grund- und Hauptschule die neue Realschule gebaut. Die Schule war wegen der steigenden Schülerzahl dringend notwendig geworden, weil es im Gebäude der Stadtschule für zwei pädagogische Einrichtungen schlicht zu eng geworden war, und die zwei Schulleiter schon Unterricht am Nachmittag erteilen lassen mußten.

In der neuen Realschule waren auch noch zwei starke Gymnasialklassen des Lübecker Katharineums untergebracht. Nun platzte die kleine Turnhalle der Steenkampschule sozusagen aus allen Nähten.

Darum hatte die Hansestadt Lübeck für die Realschule 1980 den Bau einer weiteren Turnhalle mit den Maßen 15m x 27m (wie etwa die Halle der Steenkampschule) vorgesehen, wobei man sich an den erwartenden Schülerzahlen orientiert hatte. Dieser Beschluß rief nun Vorstand und Mitglieder des TSV auf den Plan, die für eine Sporthalle mit den Maßen 27 m x 45 m plädierten, die auch für Hallenhandball und Basketball geeignet war. Auch andere Gremien, wie Schulen und Elternschaften in Travemünde befaßten sich mit diesem Plan. All diese Diskussionen nahm Hans- Peter Köhn, der 1. Vorsitzende des TSV, zum Anlaß, eine Sporthallen- Initiative für Travemünde einzuleiten. So trafen sich am 19. September 1976 im Vereinsheim des TSV führende Persönlichkeiten der Schule, der Sportverwaltung, der Kurverwaltung, aus den Sportverbänden und den politischen Parteien, um die Frage nach einer Sporthalle in Travemünde zu diskutieren. Der lebhafte Meinungsaustausch führte zu einer Abstimmung. Die Mehrzahl der Diskussionsteilnehmer votierte für die große Lösung, nämlich den Bau einer richtigen Sporthalle. Nur einige Vertreter sprachen sich wegen der schwierigen Finanzierung für eine kleine Halle aus nach dem Motto: Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach!

Am 1. Oktober 1976 ging ein Brief des TSV-Vorstandes an den Bürgermeister der Hansestadt Lübeck. Hierin wurden die Ergebnisse der Diskussion dargestellt und die Auffassung begründet, daß noch in den 80er Jahren unbedingt eine Sporthalle in Travemünde entstehen müsste. Der Bürgermeister reagierte sehr schnell und forderte die beteiligten Ämter zu einer Berichtsvorlage auf. Das größte Hindernis war, wie vorauszusehen, das große Problem der Finanzierung dieses Projektes. Aber dem unermüdlichen Einsatz von Hans-Peter Köhn bei Dutzenden von Gesprächen, Konferenzen und schriftlichen Darstellungen ist es zu verdanken, daß ein Finanzierungsplan entwickelt werden konnte, an dem sich auch die Possehlstiftung beteiligte. Ganz wichtig war aber auch das Versprechen von Hans-Peter Köhn, daß auch der TSV einen maßgeblichen Finanzierungsbeitrag leisten würde. Und damit beginnt die Geschichte des St.-Lorenz- Marktes

Der damalige Kurdirektor Fuchs hatte im Jahre 1978 den Einfall, im alten Ortskern rund um die St.- Lorenz- Kirche ein Altstadtfest zu veranstalten, dessen Erlös gemeinnützigen Zwecken dienen sollte. Der Vorstand des TSV fand die Idee so gut, daß er sich gemeinsam mit dem Gemeinnützigen Verein und anderen interessierten Verbänden zusammensetzte, um den St.- Lorenz- Markt zu einer Institution werden zu lassen. Dabei wurde vorgeschlagen, die Erlöse der Märkte 1980 bis 1982 für das Vorhaben Sporthalle Travemünde zu verwenden. Der TSV erklärte sich bereit, zusammen mit dem GVT die Verantwortung über die Märkte zu übernehmen. Der TSV bildete einen Arbeitskreis, und als Mann der ersten Stunde übernahm der Judo- Abteilungsleiter Pastor Helmuth Stachel als Marktmeister die Organisation.

4 Millionen DM soll die neue Sporthalle kosten. Aber ein großer Teil der Travemünder Bevölkerung unterstützt das Projekt nach einem Spendenaufruf. Über Zehntausende DM gehen auf dem Konto ein. Zusammen mit dem Gewinn aus den St.- Lorenz- Märkten kommen schließlich 200 000 DM zusammen. 50 000 DM steuert der TTHC zum Bau der Halle bei, so dass zum Schluß der Aktion Hans-Peter Köhn der Hansestadt Lübeck einen Scheck von 250 000 DM überreichen kann. Die endgültige Finanzierung schließlich wird gesichert durch Fördermittel des Landes Schleswig- Holstein und durch eine großzügige finanzielle Unterstützung der Possehl-Stiftung.

Wochenspiegel vom 04.05.1983 - Senator-Emil-Possehl-Halle

Am Ende des Jahres 1983 werden die ersten Erdarbeiten begonnen, und am 14. Juni 1984 wird feierlich unter Beteiligung von Vertretern aus Stadt und Land, der Sportvereine und der Schulen der Grundstein gelegt.

Grundsteinlegung Senator-Emil-Possehl-Halle

Ein großes Schild macht den Zweck dieser Großbaustelle für alle Passanten am Steenkamp deutlich.

Bauschild Senator-Emil-Possehl-HalleAußerordentlich günstig war natürlich auch der Umstand, daß die Hansestadt Lübeck neben der Realschule ein großes Grundstück besaß, das neben dem Hallenbau auch noch die Anlage eines Sportplatzes ermöglichte. Die Arbeiten gingen zügig voran, und im Mai 1985 konnte die schöne große Halle in einem feierlichen Akt der Öffentlichkeit, besonders natürlich den Travemünder Sportvereinen TSV und TTHC und der Realschule Travemünde übergeben werden. Wegen der großen Unterstützung der Possehl-Stiftung wurde sie auf den Namen Senator-Emil-Possehl-Halle getauft.

Einweihung Senator-Emil-Possehl-HalleDie Halle wird seit diesem Tage voll genutzt. Sie läßt sich in zwei Kleinfelder unterteilen, so daß mehrere Gruppen oder Schulklassen gleichzeitig Sport treiben können. Besonders wichtig ist sie für die Handballer und Basketballspieler, die Ligaspiele und Meisterschaften nun am Ort austragen können. Heute ist die Steenkamphalle bei allen Vereinen im Lande bekannt und wird gerne angesteuert. Da auch Zuschauer Einlaß und Platz finden, bekommen die Spieler auch die notwendige Publikumsunterstützung. Dem TTHC ermöglicht die Halle nun ein effektives Hockeytraining in den Wintermonaten. Aber besonders die Travemünder Jugend profitiert von der schönen und großzügigen Sportanlage am Steenkamp. Und daß es noch lange so bleiben möge, das wünscht sich der Berichterstatter.

Helmuth Wieck

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