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Bertlingstraße 2

Travemünder Häuser Nr. 78

Bertlingstraße 2

Heute soll über ein Haus in der Bertlingstraße berichtet werden, das eine in mehrerlei Hinsicht ungewöhnliche Geschichte hat.

Benannt ist die Bertlingstrasse nach dem Senator und Förderer Travemündes, Friedrich Heinrich Bertling. Vorläufer der Bertlingstraße war die sog. Lindenallee, die allerdings wegen des Stallgebäudes der Seebadeanstalt, dem Eselshaus, keine gerade Verbindung zur Kaiserallee und damit letztlich zum Strand darstellte. Nachdem im Jahre 1898 das erste Gebäude des Strandbahnhofs erstellt worden war, versuchten die Lübecker Stadtväter, eine angemessene Verbindungsstrasse zur Kaiserallee anzulegen, was dann Anfang des 20. Jahrhunderts zum Erfolg führte.

Das erste Gebäude auf dem heutigen Grundstück Bertlingstraße 2 wurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem aus Oldenburg/Holstein stammenden Malermeister Friedrich Scheel errichtet. Friedrich Scheel hatte dazu vorher das Grundstück Kaiserallee 1 gekauft, das bereits an der Ecke zur Kaiserallee mit dem Bellavista-Gebäude bebaut war.

Bertlingstraße 2 - in den 20ern
in den 20ern

Als erste Besonderheit ist festzuhalten, dass noch heute hier ein gemeinsames Grundstück mit den Gebäuden „Bellavista“ und „Pension Scheel“ existiert, das heißt die jeweiligen Eigentümerfamilien Scheel und Ceccaroli sind als Teileigentümer im Grundbuch eingetragen!

Friedrich Scheel betrieb in der Bertlingstraße 2 seinen Malereibetrieb und wohnte mit seiner Familie zunächst selbst im „Bellavista“. Er verstarb allerdings früh und seine Witwe Wilhelmine zog in das Nachbarhaus in die Bertlingstraße, wo sie bis zu ihrem Tode 1949 lebte.

Bertlingstraße 2 - frühe 50er Jahre
frühe 50er Jahre

Alleinerbe wurde deren Sohn, Hans Scheel (verstorben 1979). Da er in Berlin wohnte, hatte er das Haus vermietet, u.a. an eine Frau Fölske. Langzeitmieter waren Hans Lenz und seine aus Norwegen stammende Ehefrau Margit mit ihrer Tochter Solveig und Hans’ Eltern. Hans Lenz war zuerst als Techniker bei der Lufthansa tätig und übernahm dann von seinem Vater Paul dessen Taxikonzession.

Vater Paul Lenz – dessen anderer Sohn Paul jr. ebenfalls als Taxifahrer tätig war – ist übrigens im Buch von „Otto Timmermann erinnert sich…“ Geschichten aus dem alten Travemünde im Kapitel „Ein neuer Anfang 1945“ (auf plattdeutsch) und in seinem Buch „Den Kopf voller Gedanken“ (auf hochdeutsch) mit großer Dankbarkeit erwähnt: Otto Timmermann lag 1945 nach Kriegsende verwundet in einem Schweriner Lazarett. Schwerin war von den Westallierten eingenommen worden, sollte aber wie ganz Mecklenburg Teil der Sowjetischen Besatzungszone werden. Otto Timmermann ließ durch einen entlassenen Stubenkameraden in Travemünde mitteilen, dass er nicht in Schwerin bleiben wolle, da die Russen dort am nächsten Tag einrücken sollten. Binnen 24 Stunden – laut Otto Timmermann ein Wunder – standen Paul Lenz samt Krankenschwester Frau Wiechmann (Schwiegermutter unserer Ehrenamtlerin Hedi Wiechmann) vor der Tür, um ihn in einer abenteuerlichen Fahrt durch Kontrollen nach Travemünde zu bringen. So viel zu Paul Lenz senior.

1958 war es soweit: der Altbau sollte einem Neubau weichen. Hans Scheel ersuchte eine Baugenehmigung auch für Balkone zu erreichen. Diese wurde ihm mit der Begründung verwehrt, die Balkone störten die Sichtachse zwischen dem Strandbahnhof und dem Strand! Diesen Behördenirrsinn muß man mehrfach lesen. Da die Begründung ja wohl nicht ernst gemeint sein konnte, fragt sich, welches die echten Gründe waren. Schade übrigens, dass Hans Scheel nicht geklagt hat, vor Gericht hätte diese Scheinbegründung sicher keinen Bestand gehabt.

Bertlingstraße 2 - 1958
1958

So wurde das Haus also ohne Balkone gebaut. Im Jahre 1959 zog Irene Scheel mit ihren Söhnen Bernd, Klaus und Peter von Berlin nach Travemünde, um in der Bertlingstraße eine Pension mit bis zu 7 Zimmern, die „Pension Scheel“, zu betreiben.

Im Erdgeschoss wurden zwei gewerbliche Mieter aufgenommen: Josef Reiss mit seiner „Schatzkammer“, ein Geschäft, das auch heute noch an derselben Stelle vom selben Inhaber betrieben wird und damit wohl die längste Kontinuität im Travemünder Geschäftsleben aufweist und das Filialgeschäft „Jacke am Strand“. Das Ehepaar Reiss bezog das Haus bereits, als es noch nicht fertiggestellt war: so existierte noch kein Treppenhaus, stattdessen mußte mit einer Leiter vorlieb genommen werden. Für ca. 6 Monate wohnte das Ehepaar Reiss oberhalb ihres Geschäftes.

Bertlingstraße 2 - Anfang der 60er Jahre
Anfang der 60er Jahre

Als Gäste waren zum einen viele Skandinavier zu verzeichnen, deren Kinder mit ihren Clogs den anderen Gästen „besondere Freude“ machten und Spieler, die sich zwar größere Hotels hätten leisten können – jedenfalls, bevor sie sich dem Spieltrieb hingaben -, aber anderen Zockern nicht begegnen wollten.

Mit zunehmendem Alter fiel es Irene Scheel schwerer, den Pensionsbetrieb aufrecht zu erhalten. Zudem verlor „die schönste Tochter Lübecks“ dank der Lübecker Kontraproduktivität an Anziehungskraft.

So wurden die Zimmer zunächst in Ferienwohnungen und dann in Zweitwohnungen umgewandelt.

Im November 1999 starb Irene Scheel. Erbe wurde der mit seiner Familie in Berlin lebende Sohn Bernd. Dieser pendelte bis November 2003 zwischen Berlin und Travemünde, um gemeinsam mit seiner Frau Henriette Gaffron den Ferienwohnungsbetrieb wieder aufzunehmen. Seit Ende 2003 wohnt die Familie Scheel ganz in Travemünde und betreibt unter dem von Bernd Scheel kreierten Slogan „Lust-auf-Ostsee“ (ein Slogan, der oft und gerne auch in abgewandelter Form abgekupfert wurde, unter anderem auch von der Hansestadt Lübeck) Ferienwohnungen.

Das Haus in der Bertlingstraße 2 hatte aber eine andere Bedeutung, nämlich als quasi Jugendzentrum in der Mitte der 60er Jahre: Im Jahre 1962 eröffnete auf der Großen Freiheit in Hamburg der „Starclub“. In ihm spielten zunächst die Größen der 50er Jahre wie Fats Domino, Little Richard, Jerry Lee Lewis und andere, zunehmend aber auch – zunächst vornehmlich aus dem angelsächsischen Raum stammende – Musikgruppen, deren Stammbesetzung überwiegend aus zwei Gitarristen, einem Bassisten und einem Schlagzeuger bestanden, gelegentlich noch garniert durch einen zusätzlichen Sänger.

W. Schwenk, J. Melchert, B. Scheel
W. Schwenk, J. Melchert, B. Scheel

Der Erfolg dieser Bands veranlasste auch in Deutschland viele Jugendliche, deren Stil nachzuahmen und selbst Bands zu gründen, um deren Stücke nachzuspielen.

Von den verschiedenen Bandgründungen in Travemünde waren die aus „Scheels Keller“ stammenden sicher die nachhaltigsten.

im Gesellschaftshaus
im Gesellschaftshaus

Die Pension Scheel verfügte nämlich über einen – in den 60er Jahren so beliebten – Partykeller, der sich Mitte der 60er Jahre zum Anziehungspunkt für viele Travemünder Jugendliche entwickelte. Man traf Gleichaltrige und Gleichgesinnte zum Reden, Feiern und Musik machen. Während einige Erziehungsberechtigte voller Mißtrauen auf das sahen, was sich da abspielte (und nichts sahen), war dieser Keller für Irene Scheel auch eine Möglichkeit, Jugendliche halbwegs unter Kontrolle zu halten und so von der Straße wegzuholen. Die Jugendlichen kamen aus allen Schichten und waren Lehrlinge, Gesellen und Schüler.

Hinzu kam, dass Bernd Scheel, obwohl einer der Jüngsten, mit seinem musikalischen Talent andere musikalisch Interessierte um sich scharte. Zunächst nehmen sie an einem sog. Je-Ka-Mi- (Jeder kann mitmachen) Wettbewerb, einer Art „Travemünde sucht den Superstar“ im neu gebauten Kursaal teil.

1964 wurde die erste Band „Memphis Four“ gegründet. Darauf folgte die Gruppe „Sluggards“, die 1965 regelmäßig am Sonntag im Gesellschaftshaus spielte. Bei einer der Veranstaltungen sollen mehrere hundert Personen anwesend gewesen seien! Weitere Auftritte erfolgten in der „Rose“ und der „Jägerklause“, dem „Bösen Buben Ball“ im Kursaal in Travemünde, den „Schlutuper Tannen“, im „Twiehaus“ Israelsdorf, den Lübecker Gaststätten YaYa Club und Kaisersaal, in Mölln als Vorgruppe der Remo 4 (größter Hit: Peter Gunn), Ratzeburg, Berkenthin und Hamburg-Rahlstedt. Höhepunkt war das Erreichen des 8. Platzes von 50 bei einem Bandwettbewerb im Hamburger „Starclub“.

The Sluggards
The Sluggards

Die Wehrpflicht forderte ihren Tribut und Meinungsverschiedenheiten über die musikalische Ausrichtung führten zu Umbesetzungen und Umbenennungen. So entstanden zunächst die „Bugs“ und schließlich 1967 die „Secret.“ Das Repertoire umfasste die zu der Zeit gängige Beatmusik: neben den auch jetzt noch bekannten Beatles (A hard day’s night), Stones (It’s all over now), Kinks (You really got me), Animals (House of the rising sun), Hollies (Yes I will), Who (My generation), Searchers (Needles and pins) auch Jay and the Americans (Cara mia), Lee Dorsey (Working in a coalmine), Dakotas (Cruel sea), um nur einige Interpreten und Titel zu nennen und andere Hitlieferanten der 60er.

1965
1965

Dem Scheelschen Partykeller entstammten also Bands, die einen überregionalen Ruf besaßen und sich mit ihren damaligen Konkurrrenten aus dem Lübecker Raum, den Beatnicks sowie den jetzt noch aktiven Koasters und Twangys (siehe „Beatage“ in der MuK im November 2008 und Strandbahnhof Feb. 2009) messen mußten.

Das Ehepaar Reiss als Betreiber der „Schatzkammer“ stand der Beatmusik aufgeschlossen gegenüber (und feierte gelegentlich auch ’mal mit). Der Beat des Schlagzeugs war aber nicht zu überhören: ein „Feinwiegen“ von Diamanten und Gold war aber nur bei Ruhe möglich. Im Nachhinein empfindet das Ehepaar Reiss die damalige Situation als amüsant.

Zu den Bandmitgliedern, die später einen größeren Bekanntheitsgrad erlangten, gehörten Michael Reinecke (Gesang, Geige, Gitarre, Klavier später Truckstop, jetzt Musikproduzent), dessen Bruder Harald Reinecke (Bass und Gitarre, jetzt Profimusiker, u.a. bei der Jazzband „Nobody’s Sweethearts“, die wiederholt in letzter Zeit in Travemünde aufgetreteten sind) und „Unni“ Duncklau, der später im James Last Chor gesungen hat.

Die anderen ehemaligen Bandmitglieder haben alle „normale“ Berufe ergriffen und spielen (wenn sie sich trauen) nur privat.

Rolf Fechner Okt. 65 in Scheels Keller
Rolf Fechner Okt. 65 in Scheels Keller

Ich war ebenfalls Stammgast in Scheels Keller, habe es aber nie zu höheren musikalischen Weihen gebracht: Bernd hat mir Gitarrenunterricht gegeben und ich ihm (ich bin 3 Klassen über ihm aufs Katharineum gegangen) Lateinnachhilfe. Nach Aussagen seiner Frau hat beides nichts gebracht.

Rolf Fechner

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