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Rose 36

Travemünder Häuser Nr. 87

Rose 36

Der Straßenname „Rose“ rührt aus der Bezeichnung einer Bastion in der Befestigungsanlage Travemündes, die sich im 16. Jahrhundert zwischen dem späteren Bahnübergang und der Trave befand, her.

Die Straße „Rose“ entstand nach dem Abriß und der Verlegung von Wall und Graben zum heutigen Lotsenberg und wurde im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gleichzeitig von der Vorderreihe und dem Mühlenberg bebaut.

Als sich der Lotse Johannes Karl Ernst Wulff und seine Ehefrau Ulrike Hermine geb. Drefahl im Jahre 1908 entschlossen, das Grundstück Rose 36 bebauen zu lassen, gab es in der oberen Rose zwischen Fehlingstraße und Mühlenberg erst 11 villenähnliche Häuser. Das Nachbargrundstück Rose 34 gehörte zunächst dem Malermeister Meno Martens, der es 1923 an Hans und Emmi Grunau verkaufte. Das Doppelhaus Rose38/40 hatte sich der bekannte Travemünder Grundstücksmakler Otto Nau bauen lassen. Dieser verkaufte die linke Doppelhaushälfte an den Schornsteinfegermeister Friedrich Ahlgrimm. Dessen Tochter Hilde Neumann wohnt noch heute 95-jährig in dem genannten Haus. Ihr Ehemann Dr. Hans Neumann war ein bekannter praktischer Arzt, der im Hinterhaus des Grundstücks Rose 40 bis 1981 eine Arztpraxis führte.

Rose 36, 1936 und 1949 v. l.
Rose 36, 1936 und 1949 v. l.

Nun zur Rose 36 zurück. Im März 1918 kauften meine Großeltern Fritz Hinrich Johann Behrens und dessen Ehefrau Christine geb. Peeck das Haus von dem Lotsen Wulff (nicht verwandt mit dem Lotsen Henning Wulff und dessen Vater Hans Wulff, der ebenfalls Lotse war!).

Meine Großmutter Christiane, geb.1878 in der Kirchenstr.8, entstammte einer alten Travemünder Fischerfamilie. Namen wie Kelling, Westphal, Jarchau, Petersen und Wendelborn finden sich in unserem Familienstammbuch.

Mein Großvater Fritz Behrens, geb.1880, war Ende des 19. Jahrhunderts aus Steinrade, Gut Pronstorf, zum Ausbau der Lübeck-Büchener Eisenbahn gekommen, die bis 1882 nur bis zum Stadtbahnhof in der Vogteistrasse verlief und später bis zum Strandbahnhof und über Brodten nach Niendorf/Ostsee verlängert wurde.

Altes Travemünde vom Wasserturm auf dem Kalvarienberg aus
Altes Travemünde vom Wasserturm auf dem Kalvarienberg aus

Meine Großeltern heirateten im März 1900 in Travemünde. Meine Großmutter brachte eine Tochter, Johanna Peeck, mit in die Ehe. Sie bewohnten nach der Hochzeit in der Hinterreihe 127c (jetzt Kurgartenstraße) ein kleines Häuschen. Das Häuschen lag in einer Gasse, die früher „:Langer Jammer“ genannt wurde, denn hier lebten Familien mit vielen Kindern. Auch meine Großeltern hatten insgesamt 12 Kinder! Bei den schwierigen Verhältnissen, d.h. nur eine Heizstelle – der Kochherd -, Wasser nur an der Pumpe in der Hauptstraße, kein elektrisches Licht, bestand bei Krankheiten bei der Enge der Wohnungen akute Lebensgefahr. So starben bereits bei der Geburt oder im Kindesalter viele Kinder, die meisten an Lungenentzündung.

Familie Behrens 1908
Familie Behrens 1908

Umso mutiger war der Entschluss meiner Großeltern im Jahre 1918, das Haus in der Rose 36 zu kaufen. Dort zogen sie mit 5 Kindern ein (mein Vater Otto Behrens war 1907 geboren).

In den Jahren zuvor waren Friedrich, 17-jährig, und Annemarie mit 18 Jahren gestorben. Die voreheliche Tochter Johanna, die erst 1912 den Namen Behrens erhalten hatte, wuchs in Badendorf bei Verwandten auf.

Das Haus erhielt den Namen „Haus Annemarie“ nach der gerade verstorbenen Tochter.

Am 23.1.1923 starb auch mein Großvater im Alter von 42 Jahren an Lungenentzündung.

Nun mußte meine Großmutter das Zepter noch fester in die Hand nehmen. Vermietet wurde im Sommer, wie bei vielen Travemündern an Kurgäste. Meine Großmutter nahm in der schwierigen Zeit jede Arbeit an, um die Familie zu ernähren und das Haus abzuzahlen. Morgens ging sie zu Fuß zum Evershof zum melken, im Sommer arbeitete sie abends als Garderobenfrau. Man zog im Sommer in den Keller oder ins Gartenhaus. Erschwerend kam dann noch die Inflationszeit dazu. Zwischenzeitlich hatten zwei Kinder durch Heirat das Haus verlassen. Johanna zog nach Hamburg und Karl hatte sich mit Ehefrau Hedwig in der Fehlingstraße ein eigenes Heim geschaffen.

Grundbucheintrag von 1928
Grundbucheintrag von 1928

Mein Vater Otto Behrens lernte Elektriker bei der Firma Waldemar Scheutzlich in der Vorderreihe. Es folgten Gesellenjahre, Arbeitslosigkeit und Hausdienertätigkeit im „Strandhaus Becker“. 1928 heiratete er meine Mutter Gesine Hagen, die als Zimmermädchen im Hotel „Deutscher Kaiser“ arbeitete und aus Esens Ostfriesland stammte.

Im Jahre 1933 bekam mein Vater Arbeit beim Reichsbund der Deutschen Luftfahrtindustrie(E-Stelle) auf dem Priwall als Geräteprüfer. Er war dort bis zum Jahre 1944 tätig.

1936 wurde ich in der Rose 36 geboren. Auch meine Schwester kam 1937 in unserem Elternhaus zur Welt.

1942 starb meine Großmutter im Alter von 64 Jahren. Mein Vater erbte das Haus und zahlte seine Geschwister Karl Behrens, Else Wessel und Lissi Behrens, die weiterhin im Haus wohnte, aus. Mitte der 40er Jahre wurden Flüchtlinge aus dem Osten oder Bombengeschädigte aus Hamburg einquartiert.

Jeden Dienstag hielt der Heilpraktiker Wilhelm Hüser vom Bio-Chemischen Verein Lübeck-Travemünde seine Sprechstunden bei uns in der Wohnstube ab, die Küche und der Flur dienten als Wartezimmer. Otto Timmermann erwähnte in seinem Buch „Kopf voller Gedanken“ den Namen Heilpraktiker „Hüsing“ den seine Mutter in der Rose öfter aufsuchte. Hüser praktizierte vom Ende der 1930er bis Mitte der 1950er Jahre, mit Ausnahme der Kriegsjahre, in der Rose 36.

Im Hofgelände hatte der Schuhmachermeister Hans Harm im Gartenhaus seine Werkstatt vom Beginn der 30er Jahre bis in die 60er Jahre. Seine jüngste Tochter Traute ist mit dem Installationsmeister Hans-Christian Lüders in der Torstraße verheiratet.

Ende 1944 wurde Otto Behrens zur Wehrmacht eingezogen und kam bei Kriegsende in ein Internierungslager bei Delmenhorst. Ende 1945 wurde er wieder entlassen. Kurioserweise erhielt meine Mutter 1946 eine Benachrichtigung, dass mein Vater bereits 1942 bei Bergen gefallen sei. Glücklicherweise eine Verwechslung!

Eine kleine Anekdote mit glücklichem Ausgang zwischendurch:
Im Mai 1945 ratterten die Briten mit drei Panzern und Mannschaftswagen durch die Rose, Richtung Mühlenberg. Plötzlich hielt die Kolonne und die drei Panzer richteten ihre Kanonenrohre auf das Nebenhaus Rose 34. Wir standen im Wohnzimmer hinter den Gardinen und liefen auf Anraten einer Flüchtlingsfrau sofort in den Keller, denn bei einem Beschuss wäre unser Haus gleich mit zusammengefallen. Wie sich danach herausstellte, hatte der verwundete Polizist Gustav Hansen am Fenster des Balkons in seiner grünen Uniform mit Ordensschnalle gestanden. Die Engländer befürchteten einen Panzerfaustangriff. Glücklicherweise kam Herr Hansen aus dem 1.Stock zu dem Panzerkommandanten und stellte sich als „Policeman“ vor. Der befahl ihm, die Uniform, die der Deutschen Wehrmacht ähnelte, auszuziehen und in Zivilkleidung zu wechseln.

Die unverheiratete Schwester meines Vaters Lissi heiratete 1948 den jugoslawischen Wachmann Vlastimir Vasovich. Diese Hochzeit fand als Haustrauung in der Wohnstube der Rose 36 durch Pastor Reinholtz statt. Mein Onkel Karl begleitete auf einer Ziehharmonika den kirchlichen Gesang. 1956 wanderte das Ehepaar Vasovich mit ihrer Tochter Karin nach Amerika aus.

In ihre Wohnung zog der Steinmetzmeister Karl Warnow und seine Frau Ilse, die zuvor ein Zimmer mit Küchenbenutzung im Parterre bewohnt hatten. Karl Warnow, nehme ich an, war der einzige Steinmetz, der auch eine Grabsteinbearbeitung in Travemünde hatte, und zwar in einem Holzhäuschen auf dem Grundstück von Richard Vollert (Ecke Mühlenberg/Brodtener Kirchsteig).

In der Rose 36 gab es einen Sparclub für Einwohner und Verwandte. Er nannte sich „Sparclub Frohsinn 36“. So traf man sich unter dem Vorsitz meines Vaters jeweils Mitte Dezember zur Versammlung und Auszahlung der wöchentlichen Spareinlagen plus Zinsen der Sparkasse zu Lübeck. Dem Sparclub gehörten bis 1985 24 Mitglieder einschließlich der 5 Enkelkinder an.

1957 heiratete meine Schwester Annemarie den Sylter Elektriker Meinert Erken und zog nach Westerland/Sylt.

Im Januar 1960 heiratete ich Renate Klein, die ursprünglich aus Zoppot stammte, und meine Schwester Hannelore den Baggerführer Horst Kremer. Sie zogen später mit ihren 3 Kindern nach Kücknitz. Ich ging nach meiner Mittelschulzeit und Malerlehre bei H. Diercks 1957 zur Polizei nach Eutin. 1963 zog ich – inzwischen Polizeioberwachtmeister an der Landespolizeischule – mit der Familie nach Eutin. Hier wuchsen Sohn Andreas, geb. 1961 und Tochter Britta, geb. 1964 auf.

1969 starb der Mann meiner Schwester Annemarie an einem Gehirntumor.

Im März 1980 starb meine Mutter Gesine nach längerer Krankheit. Im Herbst wurde mir das Haus überschrieben und ich bezahlte meine Schwestern aus. Mein Vater behielt das Wohnrecht auf Lebenszeit. Im Mai 1981 verstarb meine Schwester Hannelore im Alter von 43 Jahren. Mein Vater Otto Behrens verstarb 1985 an Herzversagen.

Nach einigen Umbauten im Hause – u. a. erhielt das Haus 1967 eine Zentralheizung und der Balkon im 1. Stock wurde überdacht und zugebaut – zogen meine Frau Renate und ich in die Rose 36. Die Kinder, inzwischen 24 und 21 Jahre alt, blieben mit ihren Partnern in Eutin.

10 Jahre fuhr ich täglich nach Eutin, wo ich als Polizeibeamter im gehobenen Dienst bei der Polizeidirektion für die Aus- und Fortbildung bei der Bereitschaftspolizei tätig war.

Bis zum Sommer 2008 wurden Zimmer in der Rose 36 an Kurgäste vermietet, die sich dort sehr wohl fühlten.

Unsere Kinder nebst Familien kommen immer wieder gerne in die Rose 36. Mittlerweile hat uns unser Enkelsohn Onno und seine Lebensgefährtin Sarina im November 2011 zu Urgroßeltern gemacht.

Hoffen wir, dass das Haus Rose 36 noch lange im Besitz der Familie Behrens bleibt und fröhliche Kinderstimmen zu hören sind.

Fritz Behrens

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