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Kurgartenstraße 94

Travemünder Häuser Nr. 64

Kurgartenstraße 94/Ecke Rose

Das große rote Eckhaus gegenüber von Blumen-Petersen ist Anlaufstätte für viele Leute. Kurgäste und Einheimische steuern das Haus Kurgartenstraße täglich an, sei es, um frische Brötchen oder leckeren Kuchen zu kaufen, einen fetten Aal, Heringssalat und andere Fischleckereien zu erstehen oder die neuesten Zeitschriften, Zigaretten und Zigarren zu erwerben und dazu auch noch die ausgefüllten Lottoscheine abzugeben. Rechtsanwälte, Steuerberater, Versicherungskaufleute und andere Firmen oder Mieter bewohnen das Haus und freuen sich über die zentrale Lage mitten in der Travemünder Altstadt.

Das war natürlich nicht immer so. Noch bis um den Beginn des 20. Jahrhundert war die Kurgartenstraße oder die Hinterreihe, wie die Straße damals noch hieß, von Menschen bewohnt, die auch kleine Landwirtschaften betrieben. Deswegen standen zwischen den Wohn- und Wirtschaftgebäuden auch etliche kleine Scheunen. So manches bekannte Travemünder Unternehmen hat in einer dieser Scheunen seine erste Werkstatt eingerichtet, wie z. B. Hagelstein, Hoge und Wendelborn.

Eine solche Scheune stand auch auf dem Grundstück Kurgartenstraße 94. Sie gehörte Herrn Haake. Er besaß um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. einen florierenden Fuhrbetrieb und hatte seine Pferdewagen samt der Rösser in seiner Scheune untergebracht. Sein Hauptgeschäft aber war ein fahrplanmäßiger Personentransport in bequemen Kutschen nach Niendorf und Lübeck. Trotz der schon bestehenden Eisenbahnverbindung schien der Betrieb ganz gut zu laufen, denn viele Menschen bevorzugten noch die gemütliche Fahrt mit der Pferdekutsche. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ließ der Personentransport doch erheblich nach, und als 1914 der 1. Weltkrieg begann, wurde ein Teil von Haakes Pferden höchstwahrscheinlich zum Heeresdienst eingezogen. Und er wurde ja schließlich auch nicht jünger.

Am 18. Mai 1926 erwarben die Kaufleute Karl Schnoor und Wilhelm (Willy) Schulz, die miteinander befreundet waren, das Grundstück zu gleichen Teilen. Beide waren für damalige Verhältnisse recht wohlhabend. Schnoor besaß im Haus schräg gegenüber einen Kolonialwarenladen. Heute ist dort das Chinarestaurant und davor das alten Travemündern noch bekannte „Haus der Nahrung“, wo Familie Bastian zu Hause war. Unter den Arkaden, heute steht an dieser Stelle das neue Kurhaushotel, betrieb Karl Schnoor noch ein Feinkostgeschäft mit Spirituosen und Tabakwaren. Schulz, der von den Travemündern nur Stinnes (Ökelname = Spitzname) genannt wurde, besaß eine gut gehende Gaststätte, die meines Wissens „Beeks Bierstuben“ hieß.

Das ziemlich große Haus mit seinen vier Geschossen sollte natürlich auch als Geldanlage dienen, denn nach der verheerenden Inflation im Jahre 1923 hatten sich Immobilien als wertbeständig erwiesen. Aktien, Sparbücher und Anleihen waren wertlos geworden. Nur wer Grundstücke und Häuser besaß, konnte gelassen in die Zukunft blicken, wie die Zeitgenossen, die rechtzeitig ihr Geld in Gold angelegt hatten. Aber die Angst vor einer erneuten Geldentwertung war durchaus noch vorhanden.

Im Erdgeschoß wurden Ladengeschäfte eingerichtet, und darüber im 1., 2. und Dachgeschoß waren Wohnungen und Büroräume vorgesehen. Die größte Wohnung bezog Karl Schnoor mit seiner Familie. Er hatte zwei Töchter, die beide Pädagogik studierten und in Lübeck als Studienrätinnen eine mehr oder weniger aufmerksame Schülerschar unterrichteten und noch nach dem Tod ihrer Eltern dort wohnten. Bäckermeister Wolfgang Junge, der Vater der Stadtbäckerei, mietete ein Ladengeschäft, das sich heute noch dort befindet, allerdings war es damals nur halb so groß. Die Bäckerei Junge soll das erste Geschäft gewesen sein, das beim Kauf von Backwaren Rabattmarken ausgab, die in ein Heftchen geklebt wurden und dann eingelöst werden konnten. Daneben befand sich ein kleiner Handarbeitsladen, in dem die Geschwister Schiering feine Häkelwaren und ähnliche Artikel verkauften. Nach dem 2. Weltkrieg entstand dort eine Tauschzentrale, und anschließend übernahm die Bäckerei Junge das kleine Geschäft, da die Räume für die Bäckerei nicht mehr ausreichten.

Nach der Fertigstellung des Hauses wurde der Eckladen an einen Herrn Schrader vermietet, der hier einen exklusiven Tabakladen für eine bekannte Bremer Firma einrichtete. Dann gab es noch ein HAPAG-Reisebüro, das eng mit dem Kapitän Krohn zusammenarbeitete. Käpt’n Krohn, wie er nur genannt wurde, war ein Travemünder Original und besaß mehrere Fahrgastschiffe, die Möwe I, Möwe 2 usw. hießen. Diese gemütlichen Dampfer brachten ihre Passagiere in die Ostseebäder und fuhren auch nach Kopenhagen. Und die Fahrkarten für die Seereise konnte man in dem Reisebüro kaufen. Käpt’n Krohn lebte nach dem Kriege bis zu seinem Tode in einem kleinen Häuschen am Traveufer auf dem Priwall. Nach dem Kriege wurden natürlich auch Flüchtlinge und Vertriebene im Haus Kurgartenstr. 94 einquartiert, die aber im Rahmen der großen Umsiedlungsaktion und der vielen Neubauten in Travemünde eine neue Bleibe fanden. Die Besitzer des Hauses Karl Schnoor und Willy Schulz hatten zwischenzeitlich das Zeitliche gesegnet, und die Immobilie wurde von den Erben der beiden wackeren Männer übernommen. Da offensichtlich nicht einwandfrei geregelt war, welches Geschäft und welche Wohnung zu welcher Hälfte des Hauses gehörte und wie die Mieteinnahmen verteilt werden sollten, mußten offensichtlich bei den Erben erst einmal klare Verhältnisse geschaffen werden.

Kurgartenstraße 94 - Grundbucheintrag 1926
Grundbucheintrag 1926

Im Jahre 1968 kaufte das Ehepaar Stefan und Helga Ghetz zu je einem Viertel das halbe Haus von Schnoor. Die Ghetzens hatten zwischenzeitlich in den Räumen neben der Stadtbäckerei einen kleinen Imbiß mit dem netten Namen Futterkrippe eröffnet. 1970 übernahm ein gewisser Sielaff die Futterkrippe und führte sie noch bis 1975 weiter. Nebenan bot übrigens ein kleines Geschäft für kurze Zeit Hüte an.

Das Haus blieb noch bis zum Jahre 2001 ein geteiltes Haus. Dann übernahm Helga Ghetz das ganze Gebäude. Zu erwähnen ist noch, daß der vielen Travemündern bekannte und beliebte Pastor Helmuth Stachel nach seiner Pensionierung von 1979 bis 1987 mit seiner Frau in dem Haus lebte.

Heute „wohnen“ in der Kurgartenstraße 94 sechs Firmen. Nach der Stadtbäckerei war das Tabak- und Zeitschriftengeschäft Zimmermann das älteste im Hause. Vor neun Jahren hat es Manfred Pirwitz übernommen und führt es als Tabakecke weiter. Beliebt wegen seiner guten Fischwaren ist der Fisch-Wöbke neben der Stadtbäckerei. Seit 24 Jahren befindet sich die Agentur der Württembergischen in der Kurgartenstraße 94. Mit drei Mitarbeitern beraten hier Michael Reinke und Burkhard Krause in allen Versicherungsfragen. In Rechts- und Steuerfragen stehen den Bürgern die Rechtsanwälte Jensch und Drude zusammen mit dem Steuerberater Geisler zur Verfügung. Für die Schönheit ist in der Kurgartenstraße 94 auch gesorgt. Die Kosmetikerin Mandy Basylewicz startet von hier aus mit „Mandy’s Mobile Nagelmodellage und Kosmetik“ zum Kunden. Ja, und dann wohnen noch ein paar ganz normale Mieter in dem Hause.

Helga Ghetz hat in all den Jahren viel investiert. Wir wünschen ihr zufriedene Mieter, die möglichst keine Sorgen bereiten.

Helmuth Wieck

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