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Travemünde Wappen

100 Jahre Eingemeindung

Am 01.April 1913 wurde Travemünde als „Stadtteil Kurort und Seebad Travemünde“ in Lübeck eingemeindet: Ziel sollte eine effektivere Verwaltung sein.

Das war allerdings nicht die „Stunde Null“, denn schon vorher gehörte Travemünde zum Staatsgebiet der Freien und Hansestadt Lübeck.
Wie kam Travemünde denn überhaupt zu Lübeck?
1187 wurde Travemünde von dem Holsteiner Grafen Adolf III., zunächst als Wehrturm, gegründet. Lübeck hatte aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen allerdings schon lange ein Auge auf den Besitz der Travemündung geworfen.
1329 war es dann soweit: nachdem Lübeck zunächst die Burg von Graf Johann III. von Holstein abgekauft hatte, kaufte Lübeck ihm auch den Ort Travemünde mit allen Rechten ab.

Ansicht Travemünde

Damit können wir schon mal festhalten:
leibliche Tochter Lübecks kann Travemünde ohnehin nicht sein. Damit ist der Slogan „Lübecks schönste Tochter“ schlicht falsch.

Außerdem ist der Begriff „Tochter“ schon deshalb unpassend, weil es – wie alle Ortsnamen – „das“ Travemünde heißen müßte. Die Begriffe „Stadtteil“, „Ortsteil“,„Ort“ sind alle maskulin. Lediglich „die Stadt“ oder „die Gemeinde“ haben einen weiblichen Artikel.

Einigen wir uns also auf „Adoptivkind“: Travemünde kam durch Kauf zu Lübeck. So etwas kennen wir ja auch aus der Gegenwart: Madonna und „Brangelina“ kaufen auch Kinder, um sie zu adoptieren. Denen geht es dann aber wirtschaftlich immer besser als vor der Adoption.
Gehen wir mal davon aus, dass die Adoptivmutter ihr Adoptivkind nicht schlechter als „ihr eigen Fleisch und Blut“ behandeln muß. Trifft das auch im Verhältnis Lübeck zu Travemünde zu?

Die folgenden Beispiele habe ich dem vom Archiv der Hansestadt Lübeck herausgegebenen Buch von Thorsten Albrecht Travemünde: Vom Fischerdorf zum See-und Kurbad entnommen. Als Quelle dürfte dieses Buch daher der Polemik Lübeck gegenüber unverdächtig sein:

Den Travemünder Handwerkern war es z.B. im Mittelalter untersagt, Aufträge in Lübeck anzunehmen. Die Lübecker Handwerker wollten, um einen Wettbewerb zu unterbinden, alles unter Kontrolle haben. Das durchzog sich durch alle Handwerksarten:
So durfte z.B. in Travemünde nur Lübecker Bier verkauft werden, auch der Verkauf von Ochsen aus Travemünde durfte nur an die Lübecker Knochenhauer erfolgen.

Reglementiert wurden die Travemünder durch einen seitens Lübeck eingesetzten Vogt:
Noch im 18.Jahrhundert verbot Lübeck den Travemündern den Handel mit ein- und auslaufenden Schiffen. Dieser Handel war allein den Lübeckern vorbehalten.

Der Fairness halber muß festgehalten werden, dass die Gründung der Seebadeanstalt 1803 ausnahmslos durch Lübecker Bürger erfolgte; möglicherweise wäre aber eine derartige Initiative durch Travemünder Bürger ohnehin wegen der Wettbewerbsverbote gescheitert.

1881 beschloss der Lübecker Senat eine Gemeindeordnung für Travemünde, wonach das „Städtchen“ – das war damals die geläufige Bezeichnung – befugt war, seine Angelegenheiten selbst zu verwalten. Lange hatte Lübeck sich gewehrt, Travemünde und Lübeck mit einer Eisenbahn zu verbinden. Erst 1882 war es soweit, wobei der Stadtbahnhof, der später durch den Hafenbahnhof ersetzt wurde, so weit entfernt vom Travemünder Hafen gebaut wurde, dass dem Schiffsverkehr nach Lübeck durch den Bahngüterverkehr keine starke Konkurrenz entstehen konnte.

1913 dann der Schock für die Travemünder: Travemündes Kommunalverwaltung wird aufgelöst, Travemünde als Stadtteil in Lübeck eingemeindet. Die Travemünder reagierten mit Wut und Enttäuschung – nachzulesen in dem Buch „Otto Timmermann erinnert sich“ im Kapitel „Der Ausrufer“.

Um die Travemünder zu beruhigen, gründete man die Behörde für Travemünde, die aus 3 Mitgliedern des Senats sowie 7 Deputierten bestand, wovon 4 in Travemünde wohnen mußten. Diese Behörde sollte Travemünder Interessen gegenüber Lübeck vertreten. Spätere Überlegungen, diese abzuschaffen, hat man aufgegeben, weil man um deren Durchsetzbarkeit fürchtete.

Erst 1937 lösten die Nazis die Behörde auf. Stattdessen wurde eine Kurverwaltung in Travemünde, deren Aufgabenbereich auf das Kur- und Badewesen beschränkt wurde, eingerichtet.

Die britische Besatzungsmacht richtete 1946 ein „Bezirksamt Travemünde“ ein. Dieses wurde seitens der Lübecker Behörden 1951 abgeschafft und durch eine Kurverwaltung ersetzt.

Lange Zeit gab es in der Lübecker Verwaltung aber einen Travemünde-Senator, der Travemündes Interessen in Lübeck vertrat. Auch das ist Geschichte.

Aus der Kurverwaltung wurde dann der „Kurbetrieb“, dessen Aufgabenbereich nach und nach eingeschränkt wurde, bisherige Kernaktivitäten wurden nach Lübeck verlagert. Nun soll auch der Kurbetriebsausschuss abgeschafft werden. „Doppelstrukturen“ sollen abgeschafft werden. Die Wirkung solcher Synergieeffekte ist in aller Regel höchst zweifelhaft.

So behandelt man doch nicht seine „schönste Tochter“, auch wenn es sich dabei nur um ein adoptiertes Kind handelt.

Es ist ja nie zu spät, umzudenken:
deshalb sollte der Kurbetrieb wieder aufgewertet werden, der Kurbetriebsausschuss bestehen bleiben und die Sonderstellung Travemündes durch eine für Travemünde zuständige Person in der Verwaltung gewürdigt werden.
Auch muß der Ortsrat in einen echten Ortsbeirat umgewandelt werden. Das steht nicht nur in der Ortsratssatzung, der sich ja alle Ortsratsmitglieder verpflichtet fühlen sollten, sondern ist auch wirtschaftlich sinnvoll.
Dieser Sachverstand kann in die Bürgerschaft eingebracht werden und somit viele Fehlplanungen vermeiden helfen. Die Kosten für den Ortsbeirat hätte man dadurch schell wieder „drin“.

Damit nimmt man den anderen Stadtteilen auch nichts weg. Denn eine gesteigerte Attraktivität Travemündes führt auch zu wirtschaftlichem Wachstum Lübecks, das es dringend benötigt.

Rolf Fechner

 

Liebe Leserin, lieber Leser,
als Titelgeschichte habe ich einen Kommentar gewählt, den ich anläßlich des 100. Jahrestages der Eingemeindung Travemündes bei Radio Travemünde im Offenen Kanal Lübeck abgegeben habe. Hinzugefügt habe ich Otto Timmermanns Bericht „Der Ausrufer“, erschienen in der Schriftenreihe des Gemeinnützigen Vereins zu Travemünde.
Ich danke Alita Timmermann und Wolfgang Prühs für die Erlaubnis, den Artikel auch hier abdrucken zu können.

Nach der letzten Kommunalwahl scheinen sich meine „frommen Wünsche“, die ich am Ende meines Kommentars geäußert habe, aber als unrealistisch darzustellen:
nicht nur, dass offensichtlich bei mehreren Parteien kein Interesse an einem Ortsbeirat besteht, auch der Ortsrat scheint abgeschafft zu sein. Damit verliert Travemünde seine Möglichkeit, durch ein überparteiliches Sprachrohr seine Interessen in Lübeck geltend zu machen. Was bitter nötig wäre:
ich verweise nur auf die Persiluhr, die „abgängige“ Parkbeleuchtung und die „Lögenbank“, die quasi auch eingemeindet wurde.

Rolf Fechner

Der Ausrufer

Aus einem der Hinterhäuser in der Torstraße tritt im Herbst des Jahres 1913 ein Mann. Er schaut auf die Kirchturmuhr, kann sie aber nicht recht erkennen, da die Bäume, die den Kirchplatz umgeben, noch in ihrem herbstlichen Laub stehen. Auch hatte die Uhr nur einen Zeiger und der zeigte die volle Stunde an.
Nun wurde der Mann unruhig und zog seine eigenen Taschenuhr hervor, doch sie mußte stehengeblieben sein, denn sie zeigte drei Uhr morgens. Doch wie dem auch sei, nun setzt sich der Mann in Bewegung, den einen Fuß etwas nachziehend überquert er die Straße.
Als er auf der anderen Seite ankommt, ordnete er seine Kleidung, denn er war wohl eilig aus dem Bett gestiegen. Viel zu kurz war die Hose und auch die Jacke mit Weste war zu weit und jetzt konnte man es auch deutlich sehen:
er hat eine verkrüppelte Hand. Leicht angewinkelt lag diese Hand an seinem Körper.

Der AusruferAls Kopfbedeckung trug er eine kleine Tellermütze mit einer Kokarde in den lübschen Farben. Doch was blinzelte dann aus seiner Armbeuge? Es war eine blank geputzte Glocke. Es handelte sich also um den Mann, der in Travemünde von Amts wegen bekanntzugeben hatte, was die Travemünder Obrigkeit, sprich Bürgermeister, anzuordnen hatte.
Der Mann hieß Wilhelm Söhrmann und wohnte in einem der kleinen Hinterhäuser in der Torstraße dicht am Wasser.
Nun lief er die Kirchenstraße entlang und bog links in den Hirtengang ein. Der Hirtengang läuft heute noch genau so wie damals im Jahre 1913. Als der Mann den Hirtengang durchquert hatte, bog er rechts in die Bahnhofstraße ein (heute Vogteistraße). Er lief den alten Stadtwall entlang, das ist ein Stück der alten Wallanlagen, was man heute noch deutlich erkennen kann, die Travemünde umgab.

Doch zurück zum Ausrufer. In der Bahnhofstraße hatte er den Bahnhofspavillon erreicht, der noch heute gegenüber dem alten Bahnhof liegt (heute Restaurant „Hein Mück“ oder auch „Pappschachtel“ genannt).

Hier hatten die Kofferträger ihr Domizil, und sie nahmen hier ihr Lütt und Lütt zu sich. Doch der Ausrufer hatte Pech, das Lokal war geschlossen. Doch hinter der Gardine bewegte sich etwas. Er klopfte ans Fenster, doch nichts rührte sich. Er klopfte noch einmal und nun ging die Tür einen Spalt auf.
„Emma, lat mi rin, ick bruuk een Lütten!“ „Wat is denn los, Wilhelm?“ „Ick mütt na den Bürgermeister, he hätt mi bestellt.“ „Ick dörf di nich rinlaten, du süppst to veel!“ „Nur een, Emma, een Lütt un Lütt!“ „Na, kumm rin!“
Nachdem sie ihn eingelassen hatte, bekam er sein Bier und auch seinen Kümmel und nachdem er kundgetan hatte, nicht zu knapp zu schenken, war er glücklich.

Nachdem er sich mehrere gegönnt hatte, sah er auf seine Uhr, doch sie stand immer noch auf drei Uhr. Es war mittlerweile 9 Uhr geworden, aber da sich noch einige Kofferträger dazu gesellt hatten, war die Zeit schnell verflogen und unser WilheIm, der Ausrufer, kriegt es eilig, denn der Bürgermeister hatte befohlen, pünktlich zu sein.
Er nahm seine Mütze vom Haken und schnellen Schrittes entfernte er sich, lief die Rose runter und bog in die Vorderreihe ein. Hier wohnte damals der Bürgermeister in einem der hohen Häuser mit der eigenartigen Veranda davor.

Das war Wilhelms Ziel. Der Bürgermeister hieß Meinke, und das, was er Wilhelm auftrug, ließ diesen stutzig werden. Doch WilheIm ging seines Weges und kurze Zeit später erscholl in den Gassen Travemündes Wilhelms Glocke und laut verkündete er:
„Hüüt Abend, Klock acht, is bi I. U. Kröger eine Versammlung, alle Leute un Bürgers hebbt to kamen.“
Dann kam noch ein Glockenzeichen hinterher und er redete weiter: „Hüüt Nahmeddag gifft dat op den Lögenbarg bi’n Tollamt frische Dösch un Bütt, billig un frisch!“

Keiner der Bürger konnte sich aus diesem Vers des Ausrufers etwas machen, keiner brachte ein Bild zustande und doch, die Worte „Klock acht bi I. U. Kröger op den Saal“, die hatten was zu bedeuten, und es wurde acht Uhr und der Saal bei Kröger füllte sich und was Rang und Namen hatte in Travemünde war dabei:
Bürgermeister, Pastor, Küster, Lehrer, Apotheker, Doktor, Handwerker, Fischer, Lotsen und in großer Zahl das kleine Volk. Es gab nur einen Punkt, doch der genügte, um die Gemüter in Wallung zu bringen, und laut und vernehmlich verkündete der Bürgermeister, daß mit dem heutigen Tage die Selbständigkeit Travemündes zu Ende ging und Lübeck von nun an zu bestimmen hätte.
Diese Bestimmung brachte für Travemünde viele Unannehmlichkeiten und im Ort lief nach dieser Versammlung das Wort um: Meinke hat uns verraten!

Der erste Weltkrieg stand vor der Tür und ließ so manches vergessen. Andere Sorgen breiteten sich aus, doch das Wort blieb bestehen: Meinke hatte uns verkauft!
Der Ausrufer hatte seinen großen Tag und im Bahnhofspavillon standen mehrere Lütt und Lütt für ihn bereit. Er war zwar morgens verkehrt aus dem Bett gestiegen und seine Uhr stand immer noch auf drei, aber als er Klara und Heinrich Stender verließ, die den Pavillon als Wirtsleute betrieben, da hatte er eine ziemliche Schlagseite und er hatte genug zu tun, das Gleichgewicht zu halten und nicht vom hohen Wall die Böschung herunter zu stürzen und im Rest des alten Wallgrabens zu landen. Doch er erreichte unbeschadet den Hirtengang und nun kannte er sich aus.
Von der nahen Kirche schlug es elf Uhr. Donnerwetter, nun wurde es aber Zeit und er zog seine Beine nach so gut es ging.

Doch er hatte noch ein Erlebnis. Auf der anderen Straßenseite gingen die Nachtwächter Richter und Ohlert und sie sahen ihn kommen. Halt stop, sagte sich Wilhelm, die brauchen mich nicht zu sehen, und er wollte sich hinter einem Baum verstecken. Doch er hatte nicht mit den glitschigen Bohlenbrettern gerechnet und rutschte aus und fiel nun in den Modder, denn die Straßen waren noch nicht gepflastert und da, wo der Modder am tiefsten war, hatte man Bohlenbretter gelegt, um auf die andere Straßenseite herüber zu kommen. Die waren Wilhelm zum Verhängnis geworden und nun lag er im Dreck.
Die Nachtwächter aber hatten alles gesehen und sie zogen nun den Wilhelm mit vereinten Kräften aus dem Dreck. Aber o weh, die Glocke war weg und es begann das große Suchen. Mehrere große Pfützen mußten abgesucht werden, um das amtliche Stück wiederzufinden und das gelang zuletzt auch.
Wilhelm sah aus wie ein begossener Pudel und nachdem er alle amtlichen Teile wieder zusammen hatte, als da sind Mütze und Glocke, trollte er sich heim in sein Haus in der Torstraße auf dem Hinterhof.
Ein denkwürdiger Tag im Jahre 1913 für Travemünde und für Wilhelm, den Ausrufer.

Noch hatten die Travemünder darüber nicht nachgedacht, was ihnen bevorstand, sie hatten keine Zeit dazu, das Jahr 1914 ließ alles vergessen.

Aus dem Buch „Otto Timmermann erinnert sich“ von Otto Timmermann

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