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80 Jahre Siedlergemeinschaft Travemünde

80 Jahre Siedlergemeinschaft Travemünde

Gestern und Heute

Am 3. Oktober 2015 feierte die Siedlergemeinschaft Travemünde, heute organisiert im Verband Wohneigentum Siedlerbund Schleswig-Holstein e. V., ihr 80-jähriges Bestehen mit einem festlichen Jubiläumsabend im Maritim-Hotel Travemünde.

Mitglieder und Gäste waren der Einladung gern gefolgt und erlebten einen unterhaltsamen Abend mit viel Musik, einem leckeren Büffet und netten Gesprächen an festlich gedeckten Tischen. Die Zumba-Gruppe des TSV Travemünde unter der Leitung von Frau Wichmann brachte die Gäste in Schwung, und die musikalische Begleitung durch den Abend gelang durch „Jan, Jentschi und der gute Ton“.

Nach einer herzlichen Begrüßung und Ansprache durch den 1. Vorsitzenden, Herrn Stephan Kanow, erzählte Frau Waltraud Duve in einem Vortrag mit dem Titel ‚Travemünde-Unser Zuhause‘ über die Anfänge und Entstehung der Siedlergemeinschaft in der Teutendorfer Siedlung.
Frau Duve wohnt seit 78 Jahren im Hause ihrer Familie An der Bäk und weiß viel zu berichten, wie alles einmal anfing. Und dass sich die Siedlung heute zu einem attraktiven Stadtteil Travemündes entwickelt hat, wo Wohnen und Leben als gute Nachbarschaft gepflegt wird, erkennt der Spaziergänger, wenn er durch die Straßen und Wege wandert und die schmucken ausgebauten Einfamilienhäuser, früher einfache Siedlerhäuser, in ihren hübsch angelegten Gärten betrachtet.

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1935 – 2015 Die Entstehung des 2. Stadtteils von Travemünde Erinnerungen von Frau Waltraud Duve

80 Jahre Siedlergemeinschaft Travemünde

Im Jahre 1936 entstanden ca. 200 Siedlungshäuser zwischen Teutendorf und Rönnau. Parallel dazu wurden die Ferienhäuser vieler Hamburger und Berliner rund um den Karpfenteich, Backbord, Steuerbord, Godewind usw. erweitert und viele neu gebaut. Am Steenkamp und Am Fahrenberg bis zum Strandweg entstanden Blocks für Familien mit Kindern.

Mit der Industrieansiedlung der Flugzeugwerft auf dem Priwall, zunächst durch die Caspar-Werke, wurde Travemünde als Land- und Seeflughafen in aller Munde bekannt.

1929 richtete der Reichsverband der Luftfahrtindustrie eine Erprobungsstelle auf dem Priwall ein, kurz E-Stelle genannt. 1935 wurde die E-Stelle von der Reichsluftwaffe übernommen und entwickelte sich zu einem beträchtlichen Wirtschaftsfaktor in Travemünde und man benötigte Wohnungen für die Familien der dort Beschäftigten.
1933 hatte die Stadt Lübeck ein großes Gelände zwischen Teutendorf und Rönnau für Stadtrandsiedlungen erschlossen, die der Unterbringung der Flugbetriebsarbeiter dienen sollten.
1936 entstanden zunächst 80 Häuser. Hierfür verwendete man wahrscheinlich die letzten roten Ziegelsteine von „Tegel-Heini“ (Ziegelei Schütt am Moorredder) und versah sie mit einem schwarzen Pfannendach. Das war die „Rote Siedlung“.

Kurz danach wurde die „Weiße Siedlung“ mit ca. 100 Häusern in Angriff genommen, mit weißem Putz und rotem Pfannendach ausgestattet.

80 Jahre Siedlergemeinschaft Travemünde

Die gewählten Straßennamen der „Roten Siedlung“ wurden weitgehend den Begriffen des Flugwesens zugeordnet, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges umbenannt wurden.
Aus der Straße Propeller wurde Teutenbrink, die Tragfläche wurde Kumulusstraße, Sonnenau hieß früher Höhensteuer, aus Tiefensteuer wurde Hornkamp, An der Bäk hieß früher Seitensteuer.

Die „Weiße Siedlung“ begann mit der St.-Jürgen-Straße und dem St.-Jürgen-Platz, die Roggenbukstraße war lediglich eine Durchgangsstraße am Rande der Hoffmannskoppel. Die Mollwostraße, benannt nach dem Travemünder Stadthauptmann im Jahre 1735, hieß früher Kurt-Hermann-Straße, die heutige Lindwurmstraße hieß Christensenstraße, aus der Brüsestraße wurde heute Nikolaistraße, die Wiborgstraße blieb benannt nach einem Testpiloten, der auf der E-Stelle beim Testflug abgestürzt ist. Die Straße Am Krautacker hieß früher Jodelbauerstraße und der frühere Von-Richthofen-Ring heißt heute Rönnauer Ring.
Es änderten sich aber nicht nur die Straßennamen.

Als meine Eltern mit mir (gerade zwei Jahre alt) ein Haus zugewiesen bekamen und mit Hilfe der ganzen Verwandtschaft umzogen, mussten mein Vater und noch zwei gerade erst zugezogene Familienväter aus der Siedlung mit einem neu erbauten Flugboot auf Probeflug in die Biskaya, erst 1942 war er wieder zurück. Aber Aufatmen zählte nicht, jetzt ging es erstmal ans Möbelrücken und die Gartenpflege. Der Krieg war immer noch nicht beendet. Travemünde wuchs und damit die Bevölkerung.
Nach dem Bombenangriff 1942, der Lübecks Innenstadt in Schutt und Asche legte, kamen viele Leute nach Travemünde, man wusste aber noch nicht, dass am Ende des Krieges ein gewaltiger Strom von Flüchtlingen auf den Wasser- und Landwegen nach Travemünde kommen sollte.

80 Jahre Siedlergemeinschaft Travemünde

Vollbesetzte Kutter aus der Danziger Bucht und Frachtschiffe des Seedienstes aus Ostpreußen voll Not und Elend, Blut und Tränen – wo sollten sie alle bleiben?
Man verteilte sie rigoros auf freie Zimmer in der Siedlung. Die „gute Stube“, die nur Weihnachten, Ostern oder zu Geburtstagsfeiern genutzt wurde, wurde belegt mit fremden Menschen, und die Küche durfte mitbenutzt werden. Eine schwere Zeit begann.

Dann entstand an der Siechenbucht unterhalb der Landstraße eine Siedlung aus kleinen Holzhäuschen als Behelfsheime für Flüchtlinge aus Pommern, Ostpreußen, Danzig usw., die sogenannte Fischersiedlung.
Man atmete auf – es gab Luft.

Aber durch die inzwischen angesiedelten Werften und die beginnende Schifffahrt nach Skandinavien benötigte man den Platz an der Siechenbucht für den Skandinavienkai. Die Fischer und Handwerker wurden deshalb umgesiedelt.

Man verlängerte die Straße An der Bäk bis zum Bahnübergang Teutendorfer Weg und baute Reihenhäuser. Das reichte aber nicht aus, und die Häuserreihen wurden bis kurz vor Teutendorf und auch Richtung Rönnau nach Westen erweitert. Auch der Rönnauer Ring wurde ein geschlossener Häuserkreis.

80 Jahre Siedlergemeinschaft Travemünde

Die Kinder mussten alle die Stadtschule besuchen. Nach dem Krieg umfasste die Schule ca. 3 000 Kinder aus ganz Travemünde. Dazu wurde noch der Keller als Lazarett und als Unterkunft für ausländische Gefangene genutzt.
Eine Menge Kinder auf einem Haufen, aber es hat geklappt, aus uns allen ist etwas geworden, und wir haben trotz der schweren Zeiten ein schönes Leben in Travemünde gehabt und haben es noch.

Die Travemünder lieben ihr Städtchen und haben es immer wieder geschafft, sich auf Neues einzustellen und sich den Zeiten anzupassen. Manchmal eben auch aus der Not heraus.
Fremde Menschen, die als Gäste kommen und gehen, oder vielleicht auch für immer bleiben, gehörten stets zum Stadtbild und zum Ortsgeschehen. Der Zusammenhalt und das Kennenlernen, besonders in früheren Jahrzehnten, wurden und wird immer noch stark geprägt durch das Vereinsleben im Ort, den „Gemeinnützigen Verein“, die „Travemünder Liedertafel“ und den Sportverein „TSV Travemünde“. Dazugekommen ist später die Siedlergemeinschaft „Teutendorfer Weg“, denn hier entstand das zweite Stadtviertel von Travemünde.

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Die Siedlergemeinschaft Travemünde ist heute modern organisiert im VERBAND WOHNEIGENTUM Siedlerbund Schleswig-Holstein e. V., die größte Organisation aller Familienheimbesitzer in Deutschland und vertritt umfassend deren Interessen. Der Verband Wohneigentum verstärkt die Förderung beim Bau von Familienheimen, wirbt für den sozialen auf Eigentumsbildung gerichteten Familiengedanken, setzt sich ein für die Schaffung einer menschengerechten Umwelt und Erhaltung der Gesundheit durch schöpferisches Tun in Haus und Garten. Weiterhin bietet der Verband den Mitgliedern viele weitere Vorteile, wie Versicherungen, Rechtsberatung, Fachberatung, eine monatliche Zeitschrift usw. usw.

80 Jahre Siedlergemeinschaft Travemünde

In den örtlichen Siedlergemeinschaften werden zusätzlich auf Wunsch Vorträge organisiert, gesellige Kontakte gepflegt, wie Ausflüge, Skat- und Knobelabende, Kaffeenachmittage, Feste für Jung und Alt usw. werden angeboten und von einem freundlichen Helferteam begleitet.
So lebt es sich auch in diesem Jahrtausend in der Teutendorfer Siedlung in Travemünde gut als „Siedler“, und wir hoffen, dass noch viele Generationen schöne Jubiläen feiern.

Text und Fotos:
Waltraud Duve
Monika Raddatz

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