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Luftaufnahme Achterdeck Travemünde

Gedanken zum Jahresende 1945

Eine immer größer werdende Sorge stieg in uns allen auf „Wie wird der Krieg enden?“.

Im Januar brachten große Dampfer die ersten Flüchtlingstransporte aus Ostpreußen. Wir hatten große Kälte, Eis und Schnee, und wenn zu uns das kräftige Tuten der Flüchtlingsdampfer herübertönte, konnte ich mich nicht mehr uneingeschränkt meiner Behaglichkeit erfreuen. Der bange Druck wollte nicht weichen.

Bald darauf wurde Travemünde überschwemmt mit Flüchtlingen. Sie zogen von Haus zu Haus und suchten ein Unterkommen. Nahezu jedes Zimmer unseres Hauses war mit Flüchtlingen belegt. Eine ganze Familie teilte sich jeweils ein Zimmer.

Im Westen rückte der Feind immer näher. Wenn auch die Vernunft sagte, „es ist alles umsonst“, so konnte das Herz nicht an dieses Ende glauben und hoffte und hoffte …

Ein trübes Osterfest verlebten wir mit Fluchtgedanken und Plänen, wie und wo man seine Habe vergraben könne. Ernährungsmäßig ging es uns ab März recht schlecht. Brot war sehr knapp, und die Kartoffeln gingen zu Ende. Wir aßen sehr viel rote Beete, die wir bald nicht mehr sehen konnten.

Die Luftangriffe verstärkten sich seit dem Frühjahr immer mehr, und im April erlebten wir den ersten Angriff auf dem Priwall. Mehrere Baracken brannten. Getroffen wurde das Schiff „Wilhelm Bauer“. Es war ein fürchterliches Krachen und Heulen, und wir sagten uns, „Das ist nun der Angriff auf Travemünde“. Nach der Entwarnung zog eine Völkerwanderung zum Hafen. Die „Wilhelm Bauer“ hatte Munition geladen, die dauernd in die Luft flog. In der Vorderreihe mussten einige Fensterscheiben daran glauben, das ist aber die einzige Zerstörung, die Travemünde erlebt hat.

Im April hatten wir eigentlich den ganzen Tag Alarm durch die Nähe der Front. Es kamen oft Tiefflieger und vom Hafen her knatterten die Maschinengewehre. Ganz besonders schrecklich ist mir eine Nacht im April in Erinnerung, als ein dauerndes Dröhnen zu hören war und die Fensterscheiben klirrten.
Es war die Nacht, als die Engländer bei Lauenburg über die Elbe gingen. Dort blieben sie stehen, während die Russen weit in Mecklenburg einzogen.
Wer würde zuerst hier sein? Wie sehnten wir die Engländer herbei! Dann vollzog sich alles blitzartig. Am 2. Mai wurde Lübeck besetzt. Mittags hieß es hier auch, „Alles von den Straßen, die Engländer kommen!“.

Ich holte das Kind aus dem Bett, ließ sie von unserer Tatjana (russisches Dienstmädchen) anziehen – die außer sich vor Freude war – und dann schleppten wir alles Mögliche in den Keller, da wir mit Beschuss rechneten. Aber alles blieb ruhig. Abends hörten wir, daß in Lübeck alles ruhig vor sich gegangen war.

Am Vormittag des 3. Mai kamen die ersten Panzer den Godewind herauf gefahren. Zwei Engländer kamen ins Haus und verlangten Fotoapparate und Ferngläser. Am Nachmittag fuhr ich in die Stadt, überall waren Panzer. Erschüttert war ich von der großen Ansammlung deutscher Soldaten, die in der Nähe der Fähre bewacht wurden und auf den Abmarsch in die Gefangenschaft warteten.
Gleich am ersten Tag wurden das Hansahaus und Villa Augusta beschlagnahmt. Die Bewohner mussten innerhalb von zwei Stunden räumen.

In den nächsten Tagen hatten wir kein Licht, kein Wasser und kein Brot. Milch war, zum Glück, genügend da. Die Bauern lieferten direkt an die hiesigen Meiereien, es gab nur Vollmilch, sonst nur „entrahmte Frischmilch“.
Vor den Bäckerläden standen endlose Menschenschlangen, und die Lebensmittelgeschäfte hatten geschlossen. „Nun beginnt also die Hungerszeit“, dachten wir alle.

Mein Geburtstag war ein Sonntag. Da standen wir von morgens 7 Uhr bis 12 Uhr nach Brot an, bei Bäcker Schlüter in der Vorderreihe. Zum Glück konnten sie alle Karten beliefern. Stundenlang standen wir Schlange nach Butter. Aber ziemlich schnell hatte sich alles wieder eingespielt, und der Druck zu verhungern wich von uns. Wir hatten vor der Besetzung größere Zuteilungen von Butter und Zucker bekommen und somit einige gute Vorräte.
Am 5. Mai feierten die Engländer ihren Sieg. Abends war großes Feuerwerk. Nach Mitternacht randalierten hier zwei leicht betrunkene Engländer an der Haustür. Sie wurden aber ganz friedlich und verlangten Wein. Einige unserer Hausbewohner saßen mit ihnen zusammen in der Halle und tranken und rauchten ihre englischen Zigaretten. Nach zwei Stunden gingen sie fort und wollten am nächsten Abend mit Freunden wieder kommen …
Am nächsten Morgen stellten wir fest, daß sie die Garage und den Stall aufgebrochen und am Speisekammerfenster den Draht zerschnitten hatten. Dies Erlebnis verlief also noch ganz friedlich, wiedergekommen sind sie nicht.

Eine nächste Beunruhigung brachte das Beschlagnahmen der Häuser. Die Einwohner hatten nur wenig Zeit zu räumen … Bald wurde auch unser Haus besichtigt, und wir hörten, daß es beschlagnahmt werden sollte. Das ganze Haus wurde auf den Kopf gestellt: Möbel und Teppiche schleppten wir hinaus und waren in großer Aufregung. Aber es geschah dann nichts, wir blieben verschont. Beschlagnahmt wurden ein Radio, zwei Sessel und der Staubsauger.

Eine weitere Beunruhigung brachten die dauernden Gerüchte „Die Russen kommen!“. Ganz bestimmt wollten es viele wissen und sagten schon das genaue Datum. Es war eine große Nervenbelastung für uns. Wie manchen Abend haben wir an unserem Schlafzimmerfenster gestanden und auf die Mecklenburgische Grenze gesehen, die ein Scheinwerfer erhellte. Was ging dahinter vor sich? Augenzeugen berichteten entsetzliche Tatsachen. Wir Frauen im Haus waren wie aufgescheuchte Hühner. Ich vergesse nie die Nächte, wo die Gedanken und das klopfende Herz nicht zur Ruhe kommen wollten.

Ein weiteres Problem war die Beschaffung von Holz. Kohle gab es nicht. Lübeck bekam im Herbst Gas, aber wir nicht. Einige aus dem Haus fuhren regelmäßig nach Falkenhusen zum Stubbenroden. Es war eine große Leistung, und so können wir wenigstens das Esszimmer heizen und sonntags unser kleines Wohnzimmer. Ernährungsmäßig hatten wir durch unser Geschäft manche Vorteile. Nicht vergessen wollen wir die gute Frau Henk aus Ivendorf, die uns so oft mit Milch versorgte.

So verlebten wir das erste Friedensweihnachtsfest. Von Licht und Liebe ist in der Welt nicht viel zu sehen und um uns ist viel Not und Elend.
Ein neues Jahr liegt vor uns. Die Sorgen sind groß, was wird es bringen?
Behalten wir unsere Existenz? Wie wird unsere und des Reiches Zukunft sein?
Deutschland ist so zerrissen und geschlagen, wie nie zuvor. Noch schalten wir das Denken aus, wenn wir auf die furchtbaren Geschehnisse der letzten Jahre sehen. Es war zu ungeheuerlich, um darüber nachzudenken. Eine Welt ging um uns und in uns in Trümmer. Zu den ganz wenigen, die ihr Eigentum, ihre Existenz, den größten Teil ihrer Familien behalten haben, gehören wir. Unfassbar gegenüber den vielen anderen, ist doch kaum eine Familie unverschont geblieben. Deshalb soll auch der Dank nicht ausbleiben an das vergangene Jahr.
Mit Recht können wir abschließend sagen:
In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über uns Flügel gebreitet.

Marianne Michael

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