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Muss die Passat wirklich wieder segeln?

Einige Hintergrund-Infos von Jörg Fouquet Travemünde

Einer der letzten Flying P-Liner, die noch existieren, ist die 1911 gebaute Passat. Jedenfalls in Deutschland ist sie das einzige noch erhaltene dieser legendären Schiffe. In Mariehamn und in New York liegen noch Schwestern dieses Schiffes. Der einzige noch in Fahrt befindliche ehemalige Flying P-Liner ist die Kruszenstern. Wir erinnern uns noch schmerzlich an den Untergang der Pamir in einem Orkan vor den Azoren 1956. Sie war s. Z. gemeinsam mit der Passat für die Ausbildung des seemännischen Nachwuchses eingesetzt. Auch die Passat hätte um haaresbreite das gleiche Schicksal geteilt. Auf ihrer letzten Reise über den Atlantic verrutschte in einem Sturm die Getreideladung. Die Passat konnte sich noch in letzter Minute mit erheblicher Schlagseite in den Hafen von Lissabon retten. Diese Ereignisse waren auch die Begründung, ab 1957 in der seemännischen Berufsausbildung auf den Einsatz von Segelschiffen ganz zu verzichten. Der Einsatz des seemännischen Personals auf modernen Schiffen erfordert andere Kenntnisse als die, welche man auf einem Segler erlernt. Mag das auch in der romantisch verklärten Erinnerung ehemaliger Seefahrtsschüler anders aussehen.

Es stand damals die Frage an – Was machen mit dem Schiff? Abwracken schien die Lösung zu sein. Aber so richtig mochte man sich s. Z. noch nicht an den Gedanken gewöhnen und dieses Zögern rettete der Passat ihr Dasein. Wie gut dieses Zögern war erkennen wir heute mehr und mehr. Stellen diese Schiffe doch praktisch den Gipfelpunkt einer Schiffbautradition, der Gipfel einer Technologie in der Frachtschiffära unter Segeln dar. Das Schiff lag einige Zeit in Hamburg auf, bis es schließlich 1961 Lübeck erwarb und ihr einen Dauerliegeplatz gewährte.

In der Folgezeit wurde Sie für unterschiedliche Zwecke genutzt. Als Unterkunft für den Matrosennachwuchs an der Seefahrtsschule auf dem Priwall, als Jugendbegegnungsstätte des Deutsch-Französischen Jugendwerks und als Museumsschiff. Der Laderaum, die Luke-2, wurde zu einem großen Festraum ausgebaut. Dort fanden in den letzten 40 Jahren viele rauschende Festlichkeiten, vom offiziellen Empfang, Hochzeiten bis zur Vereinsfeier statt. Wer dabei zu tief ins Glas geschaut hatte, konnte an Bord direkt in einer der Kojen übernachten, die dort vorgehalten werden. So verbinden viele Menschen mit der Passat nicht nur Erinnerungen an schöne auf dem Schiff verbrachte Stunden, sondern haben auch einen Hauch dessen erlebt, was einmal die weite Welt bedeutete.

Ich selbst habe einmal anlässlich einer Feier unseres Segelclubs an Bord der Passat während einer stürmischen Novembernacht in der Dunkelheit an Deck gestanden und dem unvergleichlichen Gesang des Sturmes in der Takelage gelauscht. Die jagenden Wolkenfetzen in der sonst klaren Nacht ließen den Eindruck entstehen, als sei das Schiff in Fahrt. Dieses euphorische Gefühl, Teil eines solchen Schiffes zu sein, ließ Schauer über den Rücken laufen. Irgendwie hatte ich einen Kloß im Halse.

Einen Kloß hatte ich aber auch im Halse, als ich das erste Mal von Bestrebungen hörte, die Passat wieder in Fahrt zu setzen. Ich wollte es erst gar nicht glauben. Aber die Initiatoren dieses Planes richteten sich an Bord der Passat auf eine Weise häuslich ein, die keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihres Planes aufkommen ließen. Es wurden Pressekonferenzen abgehalten und Fernsehteams eingeladen. Es schien so, als sei die Hausherrschaft von der Hansestadt Lübeck schon an diese Leute übergeben. Es schien so, als sei keine Spur mehr von den Leuten, die sich jahrzehntelang um den Erhalt der Passat bemüht hatten, existent. Der Verein „RETTET DIE PASSAT“ hat seit Jahren die Passat betreut, Spenden für deren Instandhaltung gesammelt und investiert. DM 7 Mio. in den vergangenen Jahren. Spenden von Lübecker Bürgern und Kaufleuten, von Gästen und anderen, die mit ihren Spenden den Erhalt dieses ortsbildprägenden Kulturdenkmals erreichen wollten.

Wie konnte es dazu kommen, daß sich neue Leute wie selbstverständlich auf vermeintlich I H R E M Schiff als neue Herrn gebärden konnten?

1997 war es, nach fast 40 Jahren soweit, daß die Passat auch unter Wasser einmal gründlich überholt werden musste. Die Lübecker Bürgerschaft, das ist das Lübecker Stadtparlament, hatte nach langem Ringen die Mittel für eine Grundüberholung auf der Flenderwerft in Lübeck bereitgestellt. Die Passat sollte durch eine Grundüberholung des Unterwasserschiffes und des Riggs in einen Zustand versetzt werden, der es ermöglicht, sich wieder auf lange Jahre hinaus an diesem maritimen Kulturdenkmal zu erfreuen. Natürlich dachte man auch daran mit dieser Investition eine Fremdenverkehrsattraktion für Travemünde in einem vorzeigbaren Zustand zu erhalten. Finden doch im Sommer auch täglich Führungen durch den Verein RETTET DIE PASSAT an Bord der Passat statt.

Ob es auf dieser Fahrt zur Werft oder auch schon vorher war, ist eigentlich unerheblich. Jedenfalls haben sich einige Leute mit Vertretern der Lübecker Verwaltung Gedanken darüber gemacht, ob es denn wohl möglich sei, solch ein Schiff, am besten gleich dieses hier, wieder in Fahrt zu setzen. Wie das so ist bei solchen Gelegenheiten, man hat sich an den eigenen Gedanken berauscht und in der Phantasie war das Schiff schon wieder auf den Weltmeeren. Vor der Realität aber hat es nach der Werftüberholung 1998 erst mal eine saftige Rechnung der Werft gegeben. Rund DM 7 Mio. Dafür sind 6000 Nieten nachgeschweißt worden, die Masten komplett von Bord genommen und saniert worden u. v. m. Dieser Betrag ist vom Verein RETTET DIE PASSAT erneut aus Spendengeldern mit DM 1 Mio. getragen worden. Der Rest von rund DM 6 Mio. wurde aus Steuermitteln der Stadt Lübeck finanziert.

Da sich aber nicht nur die Wieder-in-Fahrt-Setzer sondern auch mindestens ein Senator und ein Amtsleiter der Hansestadt Lübeck sowie vermutlich der damalige Bürgermeister der Hansestadt Lübeck Michael Bouteiler auch für den Gedanken der Wiederinfahrtsetzung der Passat erwärmen konnten, kam es zu einer „gewissen Zusammenarbeit“.

Tatsache ist, daß es ein offizielles Schreiben der Hansestadt Lübeck an die Vereinigung Pamir-Passat gibt, in dem die Stadt den Adressaten auffordert, die Machbarkeit einer Wieder-in-Fahrt-Setzung zu prüfen. Man vermutete bei dieser Vereinigung die größte Fachkompetenz zum Thema Frachtsegler. Der inzwischen gegründete Förderkreis Passat-Sailing e. V. konnte sich also damit schmücken, daß die Stadt Lübeck deren Bemühungen „unterstützte“. Nicht ungeschickt ist auch das Mit-ins-Boot-holen der Schleswig-Holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis als Schirmherrin und letztlich des Verlages Delius-Klasing. Mit diesen Kühlerfiguren konnte die Passat-Sailing ihre Werbung um Mitglieder und Unterstützer starten. Auftritte auf Bootsausstellungen und ein zugegeben hervorragend gemachter Internetauftritt taten ihre Wirkung.

Es bildete sich schell eine große Fangemeinde. Einträge im Gästebuch des Internetauftrittes zeigen deutlich, daß man mit den Bestrebungen in weiten Kreisen offene Ohren fand. Die in den Publikationen der Passat-Sailing getroffenen Aussagen bedienen auch fast alle Klischees. Jeder kann sich mit seiner Gefühlswelt darin wiederfinden und in der Wieder-in-Fahrt-Setzung der Passat seine Vorstellungen und Wünsche erkennen. Der Romantiker findet die im Winde stolz geblähten Segel, der an der Jugend interessierte die Hinwendung der Jugend zu sinnvollem Tun, der Naturschützer die gesparten Ressourcen und die Möglichkeit von schwimmenden Naturforschungslabormöglichkeiten usw. Es schien auch alles in greifbarer Nähe. Eine Einbaumaschine liegt angeblich bereits in Magdeburg einbaufertig bereit. Sponsoren, man spricht von Nokia, ständen schon bereit die erforderlichen DM 16 Mio. für einen Umbau der Passat zu spendieren. Aber was für ein Umbau soll denn da wohl erfolgen? Für Jugendliche und auch für Erwachsene Segelbegeisterte sind doch Kojen vorhanden. Siehe Schlafplätze nach Feierlichkeiten.

Am 25. Januar 2001 fand in Travemünde ein s. g. Hafenstammtisch statt, an dem die Passat sailing erstmals der Lübecker Öffentlichkeit ihr Projekt vorstellte. Bis dahin war nämlich in Lübeck und in Travemünde dieses Projekt nur ganz wenigen Personen bekannt und auch denen nur schemenhaft. Diese Promotionveranstaltung wurde von den Herren Uwe Hoffmann (Vorsitzender), Fred Steppat und Reimers Peters (Projektleiter) vorgestellt. Nach dem die Gründe, warum eine Wieder-in-Fahrt-Setzung (Klischees siehe oben), dargestellt waren, wurde an Hand eines Umbauplanes die Katze vollends aus dem Sack gelassen. Wenn auch der Denkmalschutz (ist also offenbar auch schon involviert) verbietet das äußere Bild der Passat zu verändern, so wird sich der Umbau im wesentlichen im „Hotelbereich“ abspielen. Es soll nach den Plänen der Passat-Sailing nämlich der überwiegende Teil des Schiffes in Zweibettkabinen umgebaut werden. In der Schiffsmitte sollen der Rezeptionsbereich und Tagungsräume entstehen. Auf einem getrennten, viel kleineren Bereich soll Raum für die bis zu 60 Mann starke Mannschaft entstehen. Diese wird sich folglich aus den „Jugendlichen“ u. ä. Personen zusammensetzen. Also Passagiere zweiter Klasse?

Auf Nachfrage aus dem Publikum wie diese Umbaupläne sich denn mit der lauthals bekundeten „Jugend zur Liebe der Seefahrt heranführen“ verträgt erklärte Herr Peters, daß dieses auf der Alexander von Humbold ein bewährtes Verfahren sei und ja auch irgendwie die investierten DM 16 Mio. wieder hereingeholt werden müssen. Zur Bekräftigung des Argumentes (Auslastung) erklärte er, dass die Alexander von Humbold so stark ausgelastet sei und damit soviel Geld verdient würde, daß man als Stiftung, welche ja keine Gewinne erwirtschaften dürfe, Mühe habe das eingenommene Geld wieder auszugeben.

Es geht hier also offenbar nicht um Jugend- oder Sozialarbeit sondern um Kommerz in seiner reinsten Form. Es ist schon äußerst praktisch, wenn einem zum Geldverdienen jemand kostenlos ein Schiff an die Hand gibt, welches von anderen Leuten über Jahre per Spenden, welche mühsam DM 20,00-weise gesammelt wurden, am Leben erhalten wurde und noch einmal mit DM 6 Mio. aus Steuermitteln restauriert worden ist. Die Passat-Sailing sagt zwar, dass sie das Schiff nur in den Wintermonaten, also von September bis April nutzen möchte. Es würde vertraglich vereinbart, dass die Passat in den Monaten Mai bis August/September in Travemünde liegen würde. Und es wäre doch jedes Mal ein tolles Event, nennt man das ja heute, wenn die Passat hinausführe oder von Reise zurückkäme. Man schreibt also die volksfesthafte Stimmung, die herrschte als die Passat nach 40 Jahren Liegezeit im Passathafen zur Werft gebracht wurde und nach fast einem Jahr wieder zurückkehrte, als regelmäßiges Erlebnis fort. Ob das nun eintritt oder nicht mag dahingestellt sein.

Die dauerhafte Präsens der Passat an ihrem Liegeplatz in Travemünde veranlaßt auch im Winter eher jemanden zu einem Travemündebesuch, als wenn er dort nur einen leeren Liegeplatz zu sehen bekommt. Und was ein Sponsor auf Dauer dazu sagen würde, wenn sein Name nur ein halbes Jahr auf den Segeln über die Meere getragen wird, kann ich aus meiner Lebenserfahrung mit einem klaren „Nein“ beantworten. Darum auch glaubt hier in Lübeck niemand wirklich, daß die Passat, sollte sie tatsächlich fahrbereit gemacht werden, dauernd und regelmäßig im Sommer in Travemünde sein wird. Es werden sich massenhaft Gründe finden, die ein Nichterscheinen oder pünktliches Nichterscheinen als unvermeidbar darstellen. Da gibt es Schwerwetter, Termindruck und vor Madagaskar die Pest an Bord u. v. a. m. Wehret den Anfängen! Der Werbeeffekt für Lübeck in der Karibik ist minimal, wenn die Passat dort kreuzt. Der Werbeeffekt für Travemünde ist aber maximal, wenn sie an ihrem Liegeplatz ständig zur Verfügung steht.

Nun liegt aber der offizielle Antrag der Passat-Sailing auf Überlassung der Passat zum Zwecke der Wieder-in-Fahrt-Setzung vor. Inzwischen hat aber das Rechtsamt der Hansestadt Lübeck erklärt, dass es zu einem solchen Vorhaben eines offiziellen Beschlusses der Bürgerschaft bedürfe und nun kommt das ganze Projekt aus der Mauschelecke. Es ist offenbar nicht möglich, so wie man es wohl verschiedentlich gehofft haben mag, dieses Projekt so einfach auf dem Verwaltungswege zu starten und damit Tatsachen zu schaffen. Der Antrag liegt nun schon seit Monaten bei der Verwaltung vor. Offenbar geht es nun der Verwaltung wie dem bekannten Zauberlehrling. Der Fraktionsvorsitzende der Lübecker CDU hat auf einer öffentlichen Fraktionssitzung auf wiederholte Nachfrage eines Bürgers – „um wie viele Fremdenverkehrsattraktionen, z. B. die Passat, sich die Hansestadt Lübeck noch entledigen will“, eindeutig erklärt, „dass die CDU gegen ein solches Projekt sei“. Der neue Bürgermeister der Hansestadt Lübeck Bernd Saxe SPD erklärte auf einer Mitgliederversammlung der SPD-Travemünde ebenfalls auf explizite Nachfrage, dass er ein strikter Gegner dieses Projektes sei. Wörtlich „die Passat bleibt hier!“

Die Schleswig-Holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis ließ über ihren persönlichen Referenten erklären, dass ihr ihre Schirmherrinnenschaft eigentlich gar nicht mehr so bewusst sei. Sie könne sie aber nun nicht einfach hinschmeißen. Sie würde sich aber ab sofort neutral verhalten. Andere Lübecker, gesellschaftlich relevante Vereinigungen haben sich ebenfalls gegen das Projekt ausgesprochen. In Geschäften in Travemünde liegen bereits Unterschriftenlisten aus, welche sich zunehmend füllen. Wenn auch manches machbar ist, so muss man es doch nicht in jedem Fall auch tun.

Letztlich noch ein Aspekt welcher sich in den letzten Wochen konkretisiert hat. Auf dem Priwall, gleich hinter dem Liegeplatz der Passat wird von einer Investorengruppe für DM 100 Mio ein ganzjährig betriebenes Feriendorf mit 2000 Betten errichtet. Dieser Investor rechnet mit einer 30%-tigen Auslastung über das ganze Jahr. Das heißt auch im Winter werden dort mindestens 200 Feriengäste gern die Gelegenheit nutzen, ihren maritimen Träumen nachzuhängen. Natürlich wird dann die Passat auch ganzjährig zugänglich sein. Die Hochzeitstermine an Bord der Passat sind für das Jahr 2001 jedenfalls auch schon voll ausgebucht.

So hat eine weitaus breitere Bevölkerung etwas von der Passat, als wenn sie für einige wenige Tagungsteilnehmer und einige Alibi-Jugendlichen in wärmeren Zonen kreuzen würde.

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