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Stadtschule Travemünde

Irmtraut Palaß
SCHULZEIT IN TRAVEMÜNDE

Liebe Leserin, lieber Leser,
als Titelgeschichte lesen Sie diesmal ein Porträt anderer Art: Irmtraud Palaß berichtet über ihre Schulzeit in Travemünde. Wir haben uns im Redaktionsteam zur Aufgabe gemacht, auch die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, denn dies ist auch ein Teil der Heimatverbundenheit, der wir uns verpflichtet fühlen. Deshalb herzlichen Dank, liebe Frau Palaß, für diesen Artikel.

Rolf Fechner


1934 war ich 8 Jahre alt, als wir von Lübeck nach Travemünde zogen.

In jenen Jahren stieg die Zahl der Einwohner im Ort beträchtlich an durch die neu geschaffenen Arbeitsmöglichkeiten in der E-Stelle (Erprobungsstelle von Seeflugzeugen für die deutsche Luftwaffe) auf dem Priwall.

Vorher hatte ich in Lübeck eine reine Mädchenschule besucht, einen großen alten, kalten Klinkerbau, von dem es in Lübeck auch jetzt noch mehrere gibt.

Das Travemünder Schulgebäude war zwar noch älter. Es handelte sich um eine sog. gemischte Schule, an der ich mich gleich sehr wohl fühlte.

Unser erster Lehrer hieß Franz Moll, liebevoll von uns „Seppl Moll“ genannt. Ich erinnere noch seine schnörkelreiche Handschrift. Sobald er die Klasse betrat, mußten wir alle aufstehen. Das galt auch für alle anderen Lehrkräfte und für die gesamte Schulzeit.

Zu Beginn der Schulzeit in Travemünde, in der 3. Klasse Grundschule, gab Lehrer Moll die Anweisung, dass wir alle eine Puppe oder einen Teddy zur Schule mitbringen sollten. Meine Mutter meinte dazu, aus dem Kindergartenalter wären wir doch wohl heraus. Nun, es wurde ein lebhafter Schultag. Im nachhinein meine ich, dass unser Lehrer wohl unser Verhalten zu unserem Lieblingsspielzeug testen wollte. Manchmal fragte Herr Moll auch, was es bei uns zu Mittag gegeben hätte. War es Neugier? Trotzdem haben wir gut und gerne bei ihm gelernt.

1935 begann der Bau der auch heute noch bestehenden Stadtschule. Ich entsinne die Grundsteinlegung: Eine Kapsel mit einigen Münzen, Schulheften und einem Exemplar des „Lübecker Generalanzeiger“ wurde mit einzementiert. Das fanden wir spannend. 1936 wurde die heute noch bestehende Aula fertig gestellt. Die alte Turnhalle blieb aber jahrelang weiter bestehen.

Damals gab es nur zwei Aufbauklassen für die weiterführenden Schulen in Lübeck. Der Lehrstoff war in Travemünde so straff, dass Schüler, die auf die Lübecker Schulen wechselten, in der Regel problemlosen Anschluss fanden.

Zwischen Travemünde und Lübeck gab es noch keine bequemen Busverbindungen (Anm: die LVG wurde erst nach dem 2. Weltkrieg gegründet). Die Schüler waren also darauf angewiesen, mit dem Zug zu fahren. Auch darum waren die beiden bestehenden Aufbauklassen sehr begehrt (Anm.: nach dem 2. Weltkrieg richtete das Katharineum zu Lübeck an der Steenkampschule eine Zweigstelle für die Sextaner und Quintaner, also der 5.- und 6.-Klässler ein. Damit brauchten wir erst ab der 7. Klasse nach Lübeck zu fahren. RF)

Der gesamte Schulbetrieb in Travemünde fand damals nur in der Kirchenstraße, also der sog. Stadtschule, statt. Alle Schüler hatten zu Fuß zu erscheinen. Die Benutzung von Fahrrädern war verboten! Eine Ausnahme galt für die Schüler aus den umliegenden Dörfern: diesen war die Benutzung von Fahrrädern erlaubt. Niemand wagte es, sich diesen Anweisungen zu widersetzen. Gegebenenfalls kam man auch ‚mal zu spät.

1936 und nachfolgend wurde die sog. Mittelschule auf 6 Klassen erweitert. Somit betrug die reguläre Schulzeit eines Mittelschülers 10 Jahre.

Ich erinnere noch Herrn Wittern, der uns die englische Sprache konsequent eingepaukt hat. Für französisch hatten wir Frl. Speck. Nun, irgendwie konnten wir uns nicht für sie begeistern, und einer der Jungen packte eine tote Maus unter ihr Stuhlkissen. Tadel für alle, wir wußten, wer es gewesen war und schwiegen eisern.

In den naturwissenschaftlichen Fächern unterrichtete uns Herr August Rinsche, sein Sohn war später Pastor in Lübeck. Nicht zu vergessen sei unser Kunsterzieher, Herr Bremer, der mehrere Jahre für uns zuständig war.

Besonders hatte es ihm die Gestaltung vieler Themen als Scherenschnitt angetan.

Festwagen des Mittsommerfestes auf dem Leuchtenfeld

1938 hat Lehrer Bremer verschiedene Veranstaltungen durchgeführt. Aus dem bisherigen Schulfest wurde das Mittsommerfest auf dem Leuchtenfeld. Ein großer Mittsommerbaum war Mittelpunkt und Ziel eines Festzuges aller Schulkinder. Auch ein Festwagen, darauf die Mitwirkenden eines Schwanks von Hans Sachs „Der Krämerkorb“. Wir waren mit Begeisterung bei der Sache. So gab es einen Zank zwischen der Köchin (von mir gespielt) und dem Küchenjungen, gespielt von K. H. Burmeister. Ich entsinne noch den Text „… ich will Dich schieben unter die Bank und über Dir die Bibel lesen … .“ Die Antwort des Küchenjungen „… Spiel Dich ja nicht auf, Du Küchenbesen!“ Kann sein, dass ich darauf mit der Kochkelle im Affekt zugeschlagen habe. Der „Küchenjunge“ möge es mir verzeihen.

Aufführung „Vom Fischer un sien Fru“ in der Stadtschule Travemünde

Im Winter wurde dann in der neuen Aula „Vom Fischer un sien Fru“ aufgeführt. Die Kulissen waren bemalte Rollos. Alle Dekos wurden durch Lehrer Bremer organisiert. Es hat riesigen Spaß gemacht. Man lernte 3 Akte unter der Regie von Frl. Berngtson ohne Probleme auswendig.

An 3 Abenden ging das Fischermärchen über die Bühne und es wurde sogar ein kleiner Betrag für den Eintritt genommen. Die Aula war voll, auch die Galerie.
Nun, die Fischerfrau Ilsebill konnte ich darstellen mit allen Höhen und Tiefen. Meine Ausstattung als Fischerfrau war von einer echten Travemünder Fischerfrau geliehen und als Königin (Anm.: erinnern sich einige an das Märchen?) trug ich ein langes Kleid und die Schuhe von einer Lehrerin. Danach hatte ich den Namen „Ilsebill“ erstmal weg.

Aufführung „Vom Fischer un sien Fru“ in der Stadtschule Travemünde

Wir wurden mit unserem Auftritt sogar in der seinerzeitigen Illustrierten „Koralle“ erwähnt.

Im Sommer war all die Jahre ein Saisonstrandkorb unsere „Heimat“. Zuerst ein Stehkorb für 30 RM, in späteren Jahren ein Liegekorb für 45 RM. Die Schularbeiten wurden oft am Strand gemacht. Sand war dadurch auch manchmal in den Heften zu finden.

Lehrer Bremer motivierte uns, auch einmal am sommerlichen Burgenwettbewerb der Kurverwaltung teilzunehmen. Wir buddelten eine große Burg mit Hilfe einiger Mitschüler direkt an der Promenade und sammelten eifrig Muscheln. Dann dekorierten wir die Burg mit Travemünder Wahrzeichen, Leuchtturm, Kirche, Schiffe, Häuser und legten aus Muscheln den Spruch „Blau de See un kloor de Sünn, dat is dat Schönste in Travemünn …“

Nun, der 1. Preis war uns sicher, eine Bodenvase aus grüner Keramik. Sie stand später in einer Ecke in der Schule. Schrecklich!

1939 machten wir im Sommer einen Ausflug nach Hamburg. Mit dem Zug fuhren wir bis Trittau, liefen durch den Sachsenwald bis Aumühle und schliefen dann auf dem Segelschulschiff „Hein Godenwind“, einer Jugendherberge. Das war für viele von uns die erste Fahrt nach Hamburg.
Mit Kriegsausbruch 1939 wurden einige Lehrer eingezogen. Der Schulunterricht ging aber weiter, wenn auch das Schulgebäude ab dem letzten Halbjahr 1941/42 nicht mehr zur Verfügung stand, da es als Lazarett eingerichtet wurde. Fortan wurden wir in der Kaserne auf dem Priwall unterrichtet. Unser Abschlusszeugnis der Mittelschule erhielten wir ziemlich formlos im Funkerraum der Kaserne.
Während unserer Schulzeit gab es keine Lehrmittelfreiheit. Trotzdem mußte man im Krieg der Schule die Lehrbücher „spenden“. Das war für uns kaum nachvollziehbar. Nur einen Gedichtband „Tausendstimmiges Leben“ aus dem Hirtverlag konnte ich mit Hilfe einer kleinen Flunkerei vor Rektor Friedrichsens Zugriff retten. Ich habe ihn heute noch.

Strandburgen-Wettbewerb Travemünde

Wir mußten in all den Jahren meiner Schulzeit ein Schulgeld bezahlen, RM 10,- mtl., also RM 120,- im Jahr. Das war für manche weniger verdienende Eltern nicht aufzubringen. Nur ausnahmsweise wurde das Schulgeld erlassen.

Einige unserer Mitschüler wurden nach ihrer Schulzeit als Flakhelfer eingezogen, und auch wir Mädchen mußten gleich ins „Pflichtjahr“ oder zum Arbeitsdienst. Ich selbst mußte mein Pflichtjahr bei einer Familie mit 6 Kindern absolvieren. RM 10,- Monatslohn im Anfang mit Steigerung auf RM 20,-. Essen und Unterbringung waren umsonst. Frei hatte ich nur am Mittwochnachmittag und am Sonntag ab mittags. Ansonsten war es viel ungewohnte Arbeit.

So endete eine fröhlich begonnene Schulzeit doch sehr ernst.

Irmtraut Palaß

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