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Segelboote an der Mole

Segelboote an der Mole

Nein, lieber Leser, es handelt sich nicht um einen Bericht über die TRAVEMÜNDER WOCHE, sondern um ein fast vergessenes und kaum beachtetes Kunstwerk in der altehrwürdigen Stadtschule Travemünde, über das zu berichten, sich wirklich lohnt.

Wenn man die Stadtschule betritt und die große Haupttreppe hinauf geht, bewundert man zuerst das große Buntglasfenster mit Travemünder Motiven. Ganz oben in der rechten Ecke fliegen drei Doppeldeckerflugzeuge, und der Kenner erkennt, daß es sich um den Typ Heinkel He 51 handelt, dem ersten Jagdflugzeug der neuen deutschen Luftwaffe aus dem Jahre 1935 nach dem großen Weltkrieg 1914/18, den das damalige deutsche Kaiserreich ohne Glanz und Gloria verloren hat. Diese Niederlage war verbunden mit dem Verbot von Militärflugzeugen, über das sich die nationalsozialistische Regierung beim Aufbau der neuen Wehrmacht, wie die Armee sich nannte, großzügig hinwegsetzte. Ein Schulrat wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als er erst im Jahre 1979 entdeckte, daß die Seitenleitwerke dieser Flugzeuge mit klitzekleinen Hakenkreuzen versehen waren. Hausmeister Timmermann wurde beauftragt, diese häßlichen Symbole zu entfernen, was nur mit einem halsbrecherischen Kletter- und Balanceakt möglich war. Auf der gegenüberliegenden Seite des Glasfensters entdeckt der aufmerksame Besucher aber ein großes Mosaik mit Segelbooten an der Mole.

Die alten Schulhäuser von 1853 und 1864 waren wegen der ständig wachsenden Bevölkerung zu klein geworden, und so entschloß sich der Senat der Hansestadt Lübeck 1934, an derselben Stelle, also nach dem Abriß der alten Gebäude, einen großzügigen Neubau mit Aula zu errichten, um die vielen Schüler, die vor allem wegen des Ausbaues der Luftwaffen-Erprobungsstelle auf dem Priwall zugezogen waren, nicht nur aufnehmen, sondern auch in modernen Räumen unterrichten zu können. Die Schule wurde in zwei Bauabschnitten erstellt.

Das erste Haus, das vornehmlich die Klassenräume enthält, entstand 1935 auf dem Schulhof, und 1936 wurde das Gebäude an der Kirchenstraße mit der Aula, Lehrer und Rektorzimmer und einigen Fachräumen den Travemündern übergeben. Ein Lehrer der ersten Stunde war Erich Bremer, der am 25. März in diesem Jahr 104 Jahre alt wird und jetzt im Rosenhof auf dem Priwall lebt. Er war an der Mittelschule vornehmlich als Kunsterzieher tätig und hat das kulturelle Leben der alten Stadtschule Travemünde, die im Jahre 1531 gegründet wurde, entscheidend mit geprägt.

„Dornröschens Hochzeitszug“

Im Jahre 1935 wurde das neue Schulgebäude mit einem großen Schulfest eingeweiht, an dem ganz Travemünde regen Anteil nahm. Es begann mit einem großen Umzug, an dem alle Klassen teilnahmen. Unter dem Motto „Dornröschens Hochzeitszug“ hatten sich die Schulkinder auf phantasievolle Weise mit vielen originellen Ideen kostümiert. Auf dem Leuchtenfeld wurde das wunderschöne Fest, an das sich alte Travemünder noch heute gerne erinnern, mit Spielen, Volkstänzen und Musik mit der Travemünder Bevölkerung gefeiert. Als „Mittsommerfest“ wurde diese schulische Veranstaltung bis 1939 alljährlich zu einem Höhepunkt für die Travemünder und Kurgäste. Selbst in Hamburg fand dieses Fest große Beachtung, und so können wir im „Hamburger Anzeiger“ vom 10./II. Juni 1939 lesen: „Wir haben einen der Männer, die an der Schaffung des entzückenden „Travemünder Mittsommerfestes“ den größten Anteil haben, den Lehrer Erich Bremer gebeten, uns eine Darstellung des Festes zu geben.“ Und Erich Bremer berichtet dann, daß viele Schülerinnen das Erlebnis des Festes in Scherenschnitten wiedergegeben haben. Diese Scherenschnitte können wir zum Teil noch heute bewundern.

Fest der Stadtschule Travemünde

Dann kam der Krieg und damit das Ende dieser schon zu einer kleinen Tradition gewordenen Feste. Der Schulbetrieb lief zwar weiter, aber später nur mit starken Einschränkungen, denn die Schule wurde zum Lazarett umfunktioniert. Die Räumlichkeiten

des Gebäudes waren bereits bei der Planung 1934 für einen solchen Einsatz vorgesehen. Erst 1946 wurde die Schule wieder ihrem eigentlichen Zwecke zugeführt, nachdem die letzten verwundeten Soldaten, darunter sehr viele Ungarn, entlassen worden waren. Das Gebäude war in einem desolaten Zustand. Möbel, Lehr- und Lernmittel, Kunstgegenstände usw. waren verschwunden oder unbrauchbar geworden. Zudem platzte die Schule wegen der großen Schülerzahl, die sich auf Grund der vielen Flüchtlingskinder ergeben hatte, aus allen Nähten. Eine Lehrkraft unterrichtete bis zu 80 Kinder.

Fest1950 wurde die Volksschule Steenkamp gebaut. Etwa 800 Kinder zogen um. Nun teilten sich „nur“ noch die „Stadtschule“ und die Travemünder Mittelschule die Räumlichkeiten. Erich Bremer hatte wieder mehr Raum für den Kunstunterricht.

Bei einer Italienreise konnte er in Ravenna wundervolle alte Mosaiken bewundern. Er war davon so fasziniert, daß er genau studierte, wie sie entstanden sind, welche Techniken und Materialien für die Herstellung notwendig waren. Dabei kam ihm 1958 die Idee, auch für die Schule mit Schülern ein solches Kunstwerk zu schaffen. Die geeignete Wandfläche fand sich im Treppenhaus gegenüber dem Buntglasfenster auf der Begrenzungsmauer zum oberen Flur. Die Größe des zukünftigen Kunstwerkes war damit vorgegeben, nun fehlte noch die Idee. Weil diese künstlerische Arbeit im normalen Zeichenunterricht nicht zu bewältigen war, suchte Erich Bremer freiwillige Mitarbeiter unter den Schülern und sofort stellten sich etliche Mädchen und Jungen zur Verfügung. Gemeinsame Überlegungen und Vorentwürfe ergaben schließlich das Motiv für das Mosaik: „Segelboote an der Mole.“

Nun konnte man mit der Ausführung der künstlerischen Arbeit beginnen. Es stand eine Fläche von 0,80 m zu 2,50 m zur Verfügung, für die erst einmal eine ganz genaue  Zeichnung entworfen werden mußte. Ein großes Problem ergab sich bei der Beschaffung des geeigneten Materials, denn Erich Bremer hatte immer die farbenprächtigen Mosaike aus Ravenna vor Augen. In Süddeutschland fand er einen Glaser, der Buntglas herstellte. Dank der guten Beziehungen zum Travemünder Glasermeister Knoop bekam er materielle Unterstützung. Es würde zu weit führen, die einzelnen Arbeitsgänge genau zu schildern. Deswegen folgt nur eine grobe Darstellung dieser künstlerischen Arbeit.

Mosaik-Herstellung Stadtschule TravemündeMan hatte die Gesamtfläche in fünf Abschnitte von 0,50 m zu 0,80 m eingeteilt, um bequemer arbeiten zu können. Während die Jungen emsig damit beschäftigt waren, die Mosaiksteinchen zu schneiden, begannen die Mädchen mit der Klebearbeit. Wenn der Chronist es richtig verstanden hat, wurden auf die Vorlagen entsprechend große Glasplatten gelegt und die farbigen Mosaiksteinchen mit wasserlöslichem Leim darauf geklebt. Wochenlang haben fünf freiwillige Mädchen außerhalb der Schulzeit mit Begeisterung daran gearbeitet. Als Rahmen für die fünf Abschnitte dienten Aluminiumstreifen, denn nach der Fertigstellung der künstlerischen Arbeit mußte eine Mischung aus Spezialgips auf den Flächen ganz gleichmäßig verstrichen werden. Nach mehreren Tagen Trockenzeit konnte man die fertigen Abschnitte lösen und die Mosaikfläche reinigen. Das Anbringen des Kunstwerkes übernahm ein Travemünder Maurer. 1958 war das Werk entstanden und schmückt heute noch den Treppenaufgang der Travemünder Stadtschule als künstlerisches Denkmal für Erich Bremer und seine Schüler.

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